Trauerarbeit zum Thema Tod

16.01.05 19:05 #1
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colette ist offline
Beiträge: 62
Seit: 15.09.04
Liebe Forumfreunde

Ich bin tieftraurig! Heute, am morgen früh ist mein Schwiegervater mit Jahrgang 1920 gestorben.
Vor zwei Wochen wurde er ins Spital gebracht, weil er zuhause nicht mehr alleine zurecht kam. Seit knapp einem halben Jahr erhielt er alle zwei Wochen Blut. Zuhause hatte er morgens und abends Betreuung. Das reichte jedoch nicht mehr, da die Beine plötzlich nicht mehr mitmachten und die Hände gefühllos wurden. Er konnte nichts mehr selbständig machen. Das Ende war absehbar. Er war sehr tapfer, denn das Denken liess ihn bis zum Schluss nicht im stich. Noch gestern Abend telefonierte ich mit ihm - er war völlig klar.
Heute morgen habe ich wieder versucht zu telefonieren. Da er den Hörer nicht abnahm, liess ich mich mit der Station verbinden. Mein Herz klopfte wie wild, da ich es schon ahnte. So erfuhr ich, dass mein Schwiegervater plötzlich verstorben sei. Ich konnte es nicht fassen - war geschockt.

Die meisten die das hier lesen denken sicher, der Mann hat ein schönes Alter erreicht. Auch ich denke so. Es ist ihm auch einiges erspart geblieben, da er ziemlich sicher sein Haus hätte verlassen müssen um in ein Altersheim zu ziehen. Ich weiss, dies wollte er nicht und er wäre sehr unglücklich geworden.

Vor anderthalb Jahren verstarb seine Frau, also meine Schwiegermutter. Da sagte man mir oft, na ja, sie hat ein schönes Alter erreicht, sterben müssen wir alle mal.
Sicher, das stimmt alles. Nur, ich fühlte mich in meinem Schmerz darüber nicht verstanden. Die Trauer um einen geliebten Menschen ist doch nicht weniger gross, nur weil er alt geworden ist. Vor allem wenn es sich um eine innige Beziehung gehandelt hat. Kann das jemand verstehen?

Meine Schwiegereltern lernte ich mit 16 Jahren kennen. Das war vor 35 Jahren. In all der Zeit habe ich sie lieben und schätzen gelernt. Ich habe ihnen viel zu verdanken. Auch nach der Scheidung von meinem ersten Mann, ihrem Sohn, sind sie immer zu mir gestanden. Da ich bereits mit 15 Jahren meinen Vater verlor, wurde mein Schwiegervater für mich eine Art Vaterersatz und meinen Söhnen ein liebender Opa.

Mein Herz ist voll Trauer über diesen Verlust. Doch ich lasse ihn ziehen in das Licht, an den Ort wo er keine Schmerzen mehr verspürt. Eine Träne von mir begleitet ihn und seine Liebe mich - mein Leben lang.

Es sind diese Momente, wo wir über denn Sinn im Leben nachdenken. Für mich ist es

- die LIEBE -

Trauerarbeit zum Thema Tod

Pegasus ist offline
Beiträge: 1.124
Seit: 06.11.04
Hallo Colette

Es berührt mich im Herzen wie Du Deine Situation und Gefühle beschreibst. Ich fühle mit Dir Dankbarkeit für das was war und etwas Schmerz für das wie es nicht mehr sein wird. Dann fühle ich etwas Bange wie es sein wird, wenn ich so liebe Menschen loslassen muss. Meine Eltern sind auch in dem Alter.

Liebe Grüsse von Pegasus

Trauerarbeit zum Thema Tod

jontev ist offline
Beiträge: 83
Seit: 21.02.04
Liebe Colette,
es ist nicht so leicht, Dir etwas zu sagen, aber ich will es trotzdem versuchen, weil ich denke, dass es besser ist als zu schweigen, wenn Du Dich an uns gewendet hast.
Solch eine Erfahrung wie Du heute haben wohl die meisten machen müssen und wir wissen oder ahnen, dass sie unausweichlich zu unserem Leben gehört.

Deine letzten Sätze waren sehr schön und zeigen mir, dass Du einen Weg gehst, auf dem wir Dich ab und zu in Gedanken begleiten werden - auch in Gedanken an diejenigen, die wir liebten und die nicht mehr auf die bisherige Weise unter uns sind.

Liebe Grüße - Jontev.

Trauerarbeit zum Thema Tod

Elfe ist offline
Beiträge: 719
Seit: 08.10.04
Liebe Colette

Auch mich haben Deine Zeilen sehr berührt.

Ich habe ähnlich gefühlt als meine Grossmutter vor 1 1/2 Jahren, fast 90-jährig, starb. Ich habe sie sehr lieb gehabt und habe wunderschöne Kindheitserinnerungen an sie. Bei ihr durfte ich stets Geborgenheit und Annahme erfahren, nirgends war meine Kindheit schöner als bei ihr. Sie war wie ein guter Engel, der immer für mich da war und sich interessierte, wie es mir erging. Als ich klein war, las sie mir Geschichten vor und sang für mich Gutenachtlieder. Sie spielte mit mir Eile mit Weile, dies stets mit einer Engelsgeduld. Sie drückte mir jeweils den Daumen, wenn ich in der Schule eine Prüfung hatte. Sie lernte mit mir Gedichte auswendig, während sie die Verse bereits perfekt beherrschte und ich noch immer an den ersten Zeilen rumdokterte... Sie dachte an mich, wenn ich irgendwelche Sorgen hatte. Und sie war die beste Köchin der Welt! Bei ihr war es spannend, in der Küche mitzuhelfen, denn sie machte alles mit viel Liebe und Geduld. Da kam nie Hektik auf, sie war immer ausgeglichen und gab mir dadurch sehr viel Stabilität, die ich bei mir zu Hause nicht kannte. Ich habe bei ihr stets die schönsten Ferien verbracht. Wenn ich dann am Morgen aufstand, war sie längst schon auf. In der guten Stube stand auf dem Esstisch das superfeine Omi-gemachte Birchermüesli, das ich über alles liebte! Und in einem gelben Briefkasten hinter dem Kachelofen fand ich einen gefalteten Zettel, auf dem die Tagesüberraschung stand. Sie nahm sich Zeit für mich, unternahm Ausflüge mit mir! Für jeden Tag liess sie sich liebevoll etwas einfallen.

Mir war ja schon als Kind bewusst gewesen, dass ich sie eines Tages verlieren würde. Ich war etwa 8-jährig, als ich zu ihr sagte: "Gell, Omi, wenn wir einmal sterben, dann gehen wir beide an denselben Ort, damit wir uns dort wiedersehen!"
Jetzt ist sie mir vorausgegangen und wartet dort auf mich, mit Sicherheit mit derselben Engelsgeduld wie sie sie schon zu Lebzeiten hatte.

Beim Trauergottesdienst liefen mir die Tränen in Strömen die Wangen runter und es schüttelte mich innerlich vor Schmerz. Dazu dieser schreckliche Kloss im Hals, der sich einfach nicht lösen wollte. Aber ich habe keinen einzigen Laut von mir gegeben, nicht ein winziges Schniefen, niemand sollte etwas merken... draussen vor der Kirche kamen Menschen auf mich zu mit den Worten: "Herzliche Kondolation. Aber sie hat ja ein hohes Alter erreicht." Als ob man bei alten Leuten nicht traurig sein dürfte, weil sie ja ein langes Leben gehabt haben.

Doch, ja, ich hatte Glück, meine Omi begleitete mich immerhin 31 Lebensjahre. Und ich bin so froh und dankbar, dass sie ein langes, gutes Leben führen durfte, und dass sie meine Omi war! Ich hätte es wirklich nicht besser treffen können, sie war definitiv die beste Omi der Welt.

Elfe


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Seid lieb gegrüsst von Elfe

Trauerarbeit zum Thema Tod

Sternchen ist offline
Beiträge: 1.231
Seit: 09.11.04
Liebe Colette,

es ist immer schwierig die richtigen Worte zu finden.
Auch ich fühle mit dir mit.

Als damals meine geliebte Omi starb war ich auch sehr traurig.
Ich war einen großen Teil meiner Kindheit bei ihr, weil meine Mutter arbeiten musste.
Neben der Trauer stellte sich bei mir ein Gefühl ein über das ich mich zuerst sehr erschrocken habe.
Es war das Gefühl der Erleichterung, fast schon wie Freude.
Meine Omi war ihr Leben lang immer wieder krank. Sie hatte alles durch von Krebs bis zum Schlaganfall.
Die letzten Jahre hatte sie starke Schmerzen im Rücken und in der Hüfte. Ihr konnte nicht wirklich geholfen werden und sie sprach immer häufiger vom Sterben. Sie fing an ihre Sachen und ihr Geld an ihre Familie zu verschenken. Irgendwann brach sie sich dann den Arm und musste in Kurzzeitpflege, daraus wurde leider ein Dauerzustand. Sie war sehr unglücklich darüber, aber zu Hause ging es einfach nicht mehr.
Dann ließ ihr Herz nach und sie bekam Wasser in die Lunge, woran sie dann fast starb.
Die Ärzte waren der Meinung sie müssten eine 89 Jahre alte Frau, deren Herz nicht mehr richtig funktioniert, wieder beleben. Danach habe ich meine Omi das letzte mal gesehen. Sie war nur noch ein Häufchen Unglück.
Das macht mich trauriger als der Tod selber.
Meine Mutter hatte den Pflegern klar gemacht dass meine Omi im Frieden Sterben soll.
Eine Woche später ist sie dann im Heim gestorben.
Heute glaube ich, ich hatte diese Gefühle, weil meine Oma wahrscheinlich mit ihrem Tod die gleichen Gefühle hatte.
Endlich ist die Quälerei zuende.......

Jeder kann sich freuen der einen kurzen schnellen Tod hat.
Und wie ich dich verstanden habe hat sich dein Schwiegervater nicht allzusehr gequält.
Es hört sich dumm an, aber dadrüber solltest du dich mit ihm freuen.
Denn er sitzt bestimmt irgendwo und ist froh dass es nicht noch schlimmer gekommen ist.

Ich wünsche dir alles Liebe
Sternchen

Trauerarbeit zum Thema Tod

colette ist offline
Themenstarter Beiträge: 62
Seit: 15.09.04
Hallo ihr Lieben

Vielen herzlichen Dank für eure aufmunternden Worte und euer Verständnis. Das tut mir echt gut, es tröstet mich.
Heute kann ich wieder klarer denken. Der erste Schock hat sich gelegt. Ich bin auch sehr froh, dass meinem Schwiegervater ein langes Leiden erspart blieb. Nur, beim Sterben wäre ich gerne bei ihm gewesen, hätte ihn gerne begleitet.

Beruflich habe ich viele Menschen in den Tod begleitet. Privat blieb mir das bei all meinen Angehörigen versagt. Früher, als ich noch in einem Altersheim arbeitete, haben mich die Pensionäre regelrecht ausgesucht um sie zu begleiten. Es mag mich, dass bei denen die mir am nächsten waren dies nicht sein sollte. Ich denke, es hat etwas mit los lassen können zu tun. Einerseits von mir und andererseits von dem Menschen der von uns geht.

Auch als Angehöriger ist es in der Schweiz möglich, den todkranken mithelfen zu pflegen, in den Tod begleiten und den Verstorbenen schön herzurichten. Das macht auch Sinn und hilft beim trauern und abschiednehmen.
Mit meiner Mutter konnte ich offen darüber reden. Sie befand sich lange in einem Altersheim. Ich habe mit ihr diese Begleitung abgemacht. Aber eben, ich mit ihr - sie nicht mit mir. Sie konnte nicht in meinem Beisein sterben, ja, sie hat mich gar weggeschickt mit den Worten: "Geh nur, Colette, es geht noch nicht ums sterben." Am anderen Morgen erhielt ich den Bescheid, dass sie in der Früh verschieden ist. Ich, die so vielen Menschen beigestanden bin, konnte nicht mal bei meiner Mutter dabeisein und haderte mit dem Schicksal. Das war vor bald 5 Jahren. Aber ich habe deshalb manchmal heute noch Schuldgefühle. Obwohl ich weiss, dass sich meine Mutter so entschieden hat.

Wer hat diesbezüglich Erfahrungen gemacht und möchte diese erzählen?

Am Freitag nun, ist die Beerdigung von meinem Schwiegervater. Das wird nicht einfach für mich, aber noch aus einem anderen Grund. Leider sind mein Exmann und ich im Streit auseinander. Entgegen meinem Wunsch zu einer Aussprache, schon unseren Kindern zuliebe, wollte, durfte er von seiner Frau aus nicht mit mir Kontakt haben. (Wegen ihr hat er sich von mir scheiden lassen.)
Als die Schwiegermutti gestorben ist, wusste ich genau, dass ich an der Beerdigung nicht erwünscht bin. Doch sie hätte es nie verstanden, wäre ich nicht dabei gewesen. Wir hatten all die Jahre ein inniges Verhältnis.
Am Grab stand nun also die neue Frau meines Exmannes und obwohl sie einander nur kurz kannten, machte sie ein riesen Theater mit weinen ect. Zu mir sagte sie, sie freue sich und es sei nett dass ich gekommen bin. :? Also, für mich war das doch eine Selbstverständlichkeit! Mich hat nach der Beerdigung niemand eingeladen zum noch beisammen sitzen, also ging ich. Nun erwarte ich am Freitag natürlich wieder ähnliches. Aber ich bin stark genug und stecke dies weg. Ich bin auch nicht alleine. Meine Söhne sind da und mein Mann begleitet mich.
Für mich ist es nur wichtig, meinem Papa das letzte Geleit zu geben.

Liebe Grüsse Co


Trauerarbeit zum Thema Tod

Elfe ist offline
Beiträge: 719
Seit: 08.10.04
Liebe Colette

Wie Du Deinen Schwiegervater zärtlich Papa nennst, berührt mich wieder mal sehr... ich kann Dir so gut nachfühlen und ich spüre Deine Trauer und Liebe förmlich. Ich wünsch Dir für den Freitag ganz viel Kraft, Trost, Liebe und Zuversicht. Schön, dass Du so gut eingebettet bist in Deiner Familie mit Deinem heutigen Mann und auch mit Deinen Söhnen. Es ist gut, dass Du nicht alleine bist!

Noch zu Deiner Frage, ob jemand Erfahrung hat bezüglich Abschiednehmen von einer nahestehenden Person, und sie stirbt dann doch in Abwesenheit... ich hab die Erfahrung nicht persönlich gemacht, jedoch höre ich immer wieder von solchen Begebenheiten. Da beim Sterben der Abschied das Schwierigste zu sein scheint, suchen die meisten Menschen (unbewusst?) die Einsamkeit, damit es ihnen leichter fällt, zu gehen. Oder sie wollen nur Personen um sich haben, denen sie zwar vertrauen, aber die ihnen nicht besonders nahestehen, bzw. die sie nicht lieben. Ich kann mir das sogar sehr gut vorstellen: wie könnte ich sterben, wenn mein Mann oder mein Sohn bei mir wäre! Es würde mir das Herz brechen und ich könnte schwerlich loslassen!

Dein Papa hat Dich sicher sehr geliebt, und er hätte vielleicht nicht loslassen können, wenn Du bei ihm gewesen wärst. Stell Dir vor, jetzt ist er sicher bei seiner Frau und es geht ihm bestimmt viel besser als je zuvor. Vielleicht schaut er Dir zu und wünscht sich sehr, dass es Dir gut gehe.

Auch ich wünsche Dir das von Herzen.
Elfe

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Seid lieb gegrüsst von Elfe

Trauerarbeit zum Thema Tod

colette ist offline
Themenstarter Beiträge: 62
Seit: 15.09.04
Guten Tag Elfe

Vielen Dank für deine Zeilen. Diese berühren mich nun wiederum. Schön hast du geschrieben und so wahr.

Papa ist bis heute Mittag in der kleinen Kirche im Ort aufgebahrt. Ich habe in dort gestern, gemeinsam mit meinem Mann, besucht. Es tat natürlich weh ihn so daliegen zu sehen. Aber es brachte mir auch Trost, den er sieht nun entspannt und friedlich aus und ist schön hergerichtet. Hat die Kleider an, in denen er sich wohl fühlte. Es dünkte mich, er schlafe und müsste sich jeden Moment räuspern. So wir er es meist tat. Ich habe mich sozusagen visuell
von ihm verabschiedet. Nun werde ich ihn nie mehr sehen.
Aber in meinem Herzen wird er immer weiterleben.

Liebe Grüsse Co


Trauerarbeit zum Thema Tod

Spätzin ist offline
Beiträge: 132
Seit: 26.07.04
Guten Abend liebe Colette,

ich habe für Deinen Schwiegervater unter www.kip-radio.de eine Kérze angezündet.

Alles Liebe
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Grüßle
die Spätzin

Es gibt Träume die in Erfüllung gehen und solche, die man begraben muss, damit sie ewig leben.

Trauerarbeit zum Thema Tod

colette ist offline
Themenstarter Beiträge: 62
Seit: 15.09.04
Guten Morgen liebes Ulmer Spätzchen

Herzlichen Dank für das anzünden der Kerze. Das ist ganz, ganz lieb von dir.

Ich wünsche dir einen wunderschönen Tag und alles Liebe und Gute.

Liebe Grüsse Co



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