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Alt 29.07.2006, 18:30
  #381 Nach oben
Leòn Leòn ist offline
Themenstarter
Extrem fleissiges Mitglied Männlich
 
Registriert seit: 19.03.2006
Beiträge: 10.117
Aus dem wogenden Meer der Menge

Gedicht von Walt Whitman , geboren am 31. Mai 1819 (1819-1892)

Aus dem wogenden Meer der Menge
sprang ein Tropfen lieblich zu mir,
Flüsternd: "Ich liebe dich, ich vergehe bald,
Weither bin ich gereist, einzig um dich zu sehen
und dich zu berühren,
Denn ich konnte nicht sterben,
ehe ich dich nicht einmal sah,
Denn ich fürchtete dich hernach zu verlieren."

Nun haben wir uns getroffen und uns gesehen,
nun sind wir geborgen,
Kehre in Frieden zurück in das Meer, mein Geliebter,
Auch ich bin Teil dieses Meers, mein Geliebter,
wir sind nicht so sehr voneinander getrennt,
Sieh das erhabene Rund, den Allzusammenhang, wie vollkommen!
Dich und mich ist die unwiderstehliche See bestimmt zu trennen,
Für eine Weile uns auseinander zu tragen, doch nicht für immer;
Habe Geduld - eine kleine Spanne - wisse, ich grüße die Luft,
das Meer und das Land
Jeden Tag bei sinkender Sonne um deinetwillen, Geliebter.
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Alt 30.07.2006, 12:24
  #382 Nach oben
Moderatorin Weiblich
 
Benutzerbild von Oregano
 
Registriert seit: 10.01.2004
Ort: Bayern
Beiträge: 35.572
Anna Ritter
(1865-1921

Das hat die Sommernacht gethan

Die Nacht ist keines Menschen Freund -
Was flüsterst du von Treue?
Der Mond verblaßt, der Morgen graut ...
Am Bette sitzt die Reue.

Die Reue ist ein häßlich Weib
Und möcht' mich wohl verderben -
Reiß mir das Herz nicht aus dem Leib,
Ich will ja noch nicht sterben.

Mein Blut ist heiß, dein Mund so süß ...
O Gott, wie kannst du küssen!
Das hat die Sommernacht gethan,
Daß wir versinken müssen.


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Alt 30.07.2006, 12:29
  #383 Nach oben
Moderatorin Weiblich
 
Benutzerbild von Oregano
 
Registriert seit: 10.01.2004
Ort: Bayern
Beiträge: 35.572
Ich glaube, dieses Gedicht hatten wir schon.


Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland,
Ein Birnbaum in seinem Garten stand,
Und kam die goldene Herbsteszeit
Und die Birnen leuchteten weit und breit,
Da stopfte, wenn's Mittag vom Turme scholl,
Der von Ribbeck sich beide Taschen voll,
Und kam in Pantinen ein Junge daher,
So rief er: »Junge, wiste 'ne Beer?«
Und kam ein Mädel, so rief er: »Lütt Dirn,
Kumm man röwer, ick hebb 'ne Birn.«


So ging es viel Jahre, bis lobesam
Der von Ribbeck auf Ribbeck zu sterben kam.
Er fühlte sein Ende. 's war Herbsteszeit,
Wieder lachten die Birnen weit und breit;
Da sagte von Ribbeck: »Ich scheide nun ab.
Legt mir eine Birne mit ins Grab.«
Und drei Tage drauf, aus dem Doppeldachhaus,
Trugen von Ribbeck sie hinaus,
Alle Bauern und Büdner mit Feiergesicht
Sangen »Jesus meine Zuversicht«,
Und die Kinder klagten, das Herze schwer:
»He is dod nu. Wer giwt uns nu 'ne Beer?«


So klagten die Kinder. Das war nicht recht -
Ach, sie kannten den alten Ribbeck schlecht;
Der neue freilich, der knausert und spart,
Hält Park und Birnbaum strenge verwahrt.
Aber der alte, vorahnend schon
Und voll Mißtraun gegen den eigenen Sohn,
Der wußte genau, was damals er tat,
Als um eine Birn' ins Grab er bat,
Und im dritten Jahr aus dem stillen Haus
Ein Birnbaumsprößling sproßt heraus.


Und die Jahre gingen wohl auf und ab,
Längst wölbt sich ein Birnbaum über dem Grab,
Und in der goldenen Herbsteszeit
Leuchtet's wieder weit und breit.
Und kommt ein Jung' übern Kirchhof her,
So flüstert's im Baume: »Wiste 'ne Beer?«
Und kommt ein Mädel, so flüstert's: »Lütt Dirn,
Kumm man röwer, ick gew' di 'ne Birn.«


So spendet Segen noch immer die Hand
Des von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland.



Gerade habe ich entdeckt,d aß es auch noch andere Versionen dieses Gedichtes gibt:

http://tinyurl.com/rl6h6

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Alt 30.07.2006, 17:26
  #384 Nach oben
Moderatorin Weiblich
 
Benutzerbild von Malve
 
Registriert seit: 26.04.2004
Beiträge: 11.046
Mittagszauber

Im Garten wandelt hohe Mittagszeit,
der Rasen glänzt, die Wipfel schatten breit;
von oben sieht, getaucht in Sonnenschein
und leuchtend Blau, der alte Dom herein.


Am Birnbaum sitzt mein Töchterchen im Gras;
die Märchen liest sie, die als Kind ich las;
ihr Antlitz glüht, es ziehn durch ihren Sinn
Schneewittchen, Däumling, Schlangenkönigin.


Kein Laut von außen stört; ’s ist Feiertag —
nur dann und wann vom Turm ein Glockenschlag!
Nur dann und wann der mattgedämpfte Schall
im hohen Gras von eines Apfels Fall!


Da kommt auf mich ein Dämmern wunderbar,
gleichwie im Traum verschmilzt, was ist und war:
die Seele löst sich und verliert sich weit
ins Märchenreich der eignen Kinderzeit.


(Emanuel Geibel)



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Alt 31.07.2006, 14:23
  #385 Nach oben
Leòn Leòn ist offline
Themenstarter
Extrem fleissiges Mitglied Männlich
 
Registriert seit: 19.03.2006
Beiträge: 10.117
Schön!

Jasminenstrauch


von Friedrich Rückert


Grün ist der Jasminenstrauch
Abends eingeschlafen,
Als ihn mit des Morgens Hauch
Sonnenlichter trafen,
Ist er schneeweiß aufgewacht:
"Wie geschah mir in der Nacht?"
Seht, so geht es Bäumen,
Die im Frühling träumen.


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Alt 31.07.2006, 15:27
  #386 Nach oben
Moderatorin Weiblich
 
Benutzerbild von Oregano
 
Registriert seit: 10.01.2004
Ort: Bayern
Beiträge: 35.572
Die Libelle

Liebe Libelle,
flieg nicht so schnelle!
Denk der Gefahren,
die deiner harren:

Bäume und Zäune,
Äste und Steine
auf allen Wegen!
Du fliegst dagegen!

Mit gebrochenen Gliedern
liegst du im Staube.
Dann kommt der Herbst,
du vermoderst im Laube...

Oder ein Vogel
will dich erhaschen,
will dich zerbeißen
und hastig vernaschen...

Oder ein Forscher
mit seinem Netze!
Erst tut er sachte,
daß nichts dich verletze
und freut sich stolz seines Besitzes!

Zu Hause jedoch nimmt er was Spitzes
und sticht's dann
durch deine weichste Stelle:
arme Libelle!

Flieg nicht so schnelle,
genieße die Stunden
oder Sekunden.
die dir zum Leben
gegeben!

Scheint warm die Sonne:
freu dich des Lichts!
Füllt Regen die Bäche,
hast du vom Leben nichts —
im Gegensatz zur Forelle


http://www.sabon.org/erhardt/index2.html

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Alt 31.07.2006, 21:21
  #387 Nach oben
Moderatorin Weiblich
 
Benutzerbild von Malve
 
Registriert seit: 26.04.2004
Beiträge: 11.046
Goethe, Johann Wolfgang von (1749-1832)

Regenbogen über den Hügeln einer anmutigen Landschaft

Grau und trüb und immer trüber
Kommt das Wetter angezogen,
Blitz und Donner sind vorüber,
Euch erquickt ein Regenbogen.


Frohe Zeichen zu gewahren
Wird der Erdkreis nimmer müde;
Schon seit vielen tausend Jahren
Spricht der Himmelsbogen: Friede!


Aus des Regens düstrer Trübe
Glänzt das Bild, das immer neue;
In den Tränen zarter Liebe
Spiegelt sich der Engel – Treue
Wilde Stürme, Kriegeswogen
Rasten über Hain und Dach;
Ewig doch und allgemach
Stellt sich her der bunte Bogen.

http://www.garten-literatur.de/Lesel...regenbogen.htm




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Alt 31.07.2006, 23:05
  #388 Nach oben
Im Sommer...vergesst die Ärzte nicht!
Gast
 
Beiträge: n/a
Im Sommer

In Sommerbäder
reist jetzt ein jeder
und lebt famos.
Der arme Dokter,
zu Hause hockt er
patientenlos.

Von Winterszenen,
von schrecklich schönen,
träumt sein Gemüt,
wenn, Dank Ihr Götter,
bei Hundewetter
sein Weizen blüht.

von Wilhelm Busch
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Alt 01.08.2006, 18:08
  #389 Nach oben
Moderatorin Weiblich
 
Benutzerbild von Oregano
 
Registriert seit: 10.01.2004
Ort: Bayern
Beiträge: 35.572
http://www.tagblatt.de/index.php?artikel_id=181844

Zitat:
Die LYRIK-Baustelle


Hier wird an dem längsten interaktiven Gedicht im Internet gearbeitet.


Das Gedicht besteht aus jeweils vierzeiligen Strophen mit Paarreimen. Die erste Strophe und die erste Zeile der zweiten Strophe haben wir vorgegeben. Ihr müßt den Paarreim vollenden und könnt den nächsten bestimmen. Aus den Einsendungen wählen wir zwei Zeilen aus und schreiben das Gedicht fort. Selbstverständlich werden die mitwirkenden Dichter beim Namen genannt.

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Alt 01.08.2006, 18:17
  #390 Nach oben
Moderatorin Weiblich
 
Benutzerbild von Oregano
 
Registriert seit: 10.01.2004
Ort: Bayern
Beiträge: 35.572
Friedrich Rückert
1788 - 1866
Elfen-Rätsel
Die Elfen sitzen im Felsenschacht,
vertreiben mit Reden die lange Nacht.

Sie legen sich lustig Rätsel vor,
die, wenn sie nicht Gold sind, doch klingen im Ohr.

Und wie ein Windzug dazwischen geht,
so sind samt der Elfen die Rätsel verweht. -

Welch Gold entstammt dem Erdschacht nicht?
Ich hörte vom goldenem Sonnenlicht.

Wer borgt sein Silber von fremdem Gold?
Der Mond, der ob unsern Häuptern rollt.

Wo quillt die Trän' aus härtester Brust?
Der Quell im Fels ist mir wohl bewußt.

Wo strömt ein Strom, da kein Strombett ist?
Der Regenstrom, der in Lüften fließt.

Wo ist auf dem Fluß die breiteste 'Brück?
Das Eis ist gebaut aus einen Stück.

Die Flut, die im stetesten Takt sich bewegt?
Das Blut, daß im Herzen des Menschen schlägt.

Wer trauert in seinem buntesten Kleid?
Das ist der Baum zu des Herbstes Zeit.

Wer hat tausend Augen und sieht sie nicht?
Der Strauch, der sie treibt und weiß es nicht.

Wer sah nie von innen sein eigenes Haus?
Die Schnecke, und kommt doch niemals heraus.

Wo hat man den kleinsten zum König gemacht?
Der Zaunkönig wird ausgelacht.

Wo tritt der Schwache den Starken nieder?
Den Erdboden des Menschen Glieder.

Was ist stärker als der Erdengrund?
Das Eisen, dass es macht ihn wund.

Was ist stärker als Eisen und Stahl?
Das Feuer schmelzt sie allzumal.

Was ist stärker als Feuersglut?
Die feuerlöschende Wasserflut.

Was ist stärker als Flut im Meer?
Der Wind, der sie treibt hin und her.

Und was ist stärker als Wind und Luft?
der Donner; sie zittern, wenn er ruft.

Wer ist mächtiger als der Tod?
Wer da kann lachen, wenn er droht.

Und wer, wenn die Erde bebt, kann stehn?
Wer nicht fürchtet unterzugehn.

Warum fließt das Wasser den Berg nicht hinauf?
Weils bergunter hat leichteren Lauf.

Warum trägt Kürbse der Eichbaum nicht?
Daß sie dir nicht fallen aufs Angesicht.

Wozu hat der Gaul viel Füße empfahn`
Damit er mit vieren stolpern kann.

Und warum sind die Fische stumm?
Weil sie sonst würden reden dumm.

Wer löset alle Rätsel auf?
Wer immer was weiß, was sich reimet drauf.

Und warum schweig' ich jetzo still?
Weil ich nichts weiter hören will.


http://gutenberg.spiegel.de/balladen...h/elfenrae.htm

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