Herbst-Gedichte

02.11.05 17:47 #1

Hier finden Deine Gedanken zum Leben ihren Platz
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Malve ist offline
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Durchblick ins Seetal

Zwischen grau behaarten Fichtenzweigen,
Zwischen roten rauhen Kiefernästen,
Blauen Zedern, die sich würdig neigen,
Zwischen Lindenstämmen mit den Resten
Gelben Laubes sinkt der Blick hinunter,
Berghinab durch klamme Perspektiven
In des Seetals freundlich-ferne Tiefen.
Sanft scheint alles dort und dennoch bunter,
Glasig schwebt der See, der licht umsäumte,
Dörfer lächeln hell mit sonnigen Dächern,
Felder wie von Malergeist geträumte
Farbenfolgen breiten sich in Fächern.
Selig scheint dies Tal und ohne Schatten,
Fest zugleich und luftig gleich Kristallen,
Festlich ordnen Dörfer, Haine, Matten
Sich ins Bild, es scheint um Wohlgefallen,
Scheint um Schönheit einzig hier zu gehen,
Um den Reigen bunt getönter Lichter:
Spielzeug einem Maler oder Dichter,
Scheint die Welt aus Licht nur zu bestehen,
Das sich selbst erlebt, sich selbst gestaltet.
Uns bezaubern Bühne und Kulissen,
Und wir weigern uns vom Leid zu wissen,
Das auch diese holde Welt durchwaltet.

Hermann Hesse


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Oregano ist gerade online
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Johann Gaudenz Frhr. v. Salis-Seewis "Herbstlied" 1782,
zuerst gedruckt im Vossischen Musenalmanach für 1786

1. Bunt sind schon die Wälder,

Gelb die Stoppelfelder,
Und der Herbst beginnt.
Rote Blätter fallen,
Graue Nebel wallen,
Kühler weht der Wind.
2. Wie die volle Traube
Aus dem Rebenlaube
Purpurfarbig strahlt!
Am Geländer reifen
Pfirsiche, mit Streifen
Rot und weiß bemalt.
3. Flinke Träger springen,
Und die Mädchen singen,
Alles jubelt froh!
Bunte Bänder schweben
Zwischen hohen Reben
Auf dem Hut von Stroh.
4. Geige tönt und Flöte
Bei der Abendröte
Und im Mondesglanz;
Junge Winzerinnen
Winken und beginnen
Frohen Erntetanz.




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religiöse Zusatzstrophen: Herbst, Erntedank, Schöpfung
© Gerhard Fleischer 4. Wer ließ alles sprießen
Auf den Äckern, den Wiesen,
Wer gab Wachstum und Saft ?
Er schuf alles Leben
In dem Korn, in den Reben;
Leben ist seine Kraft.

5. Du willst alles hegen,
Schützen, bewahren und pflegen,
Alles hast Du bedacht.
Du läßt keimen, sich regen,
Du schenkst Sonne und Regen,
Du Herr, des Lebens Pracht.
6. Aus den reifen Feldern,
Aus den tiefsten Wäldern
Klingt ein voller Klang:
Du gabst Licht und Wärme,
Du schenkst reiche Ernte;
Dir Herr, sei Lobgesang !

7. Und an jedem Morgen
Scheuchst du unsere Sorgen
In den Himmel hinaus.
Himmelblau und Helle,
Berge, Meereswelle,
Alles ist Dein Haus !


8. Geige tönt und Flöte
In der Abendröte.
Herr wir bringen Dir Dank.
Eh' wir es begreifen
Läßt Du alles reifen;
Dir, Herr sei unser Dank !


http://ingeb.org/Lieder/buntsind.html
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Leòn ist offline
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Abend im Frühherbst

von Marie - Luise Weißmann


Weit ausgegossen liegt das breite Land.
Der Himmel taucht den Scheitel noch ins Licht,
Doch seitlich hebt gelassen eine Hand
Die dunkle Maske Nacht ihm ins Gesicht.

Viel fette Lämmer weiden auf der Flur,
In Gärten steht das Kraut in seiner Fülle,
Herbstwälder ziehn als eine goldne Spur,
Am Baum die Frucht glänzt prall in ihrer Hülle.

Es ist der letzte dieser kurzen Tage:
All Ding steht reif und rund und unbewegt
Schwebend in sich gebannt wie eine Waage,
Die Tod und Leben gleichgewichtig trägt.


http://www.wortblume.de/dichterinnen/weiss56.htm


Oregano ist gerade online
Themenstarter Beiträge: 52.273
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Wunderschön ... - Was ist das für ein Gewässer, Leòn? Da würde ich jetzt auch gerne auf einer Bank sitzen und ins Wasser schauen....

Gruss,
Uta
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Oregano ist gerade online
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Seit: 10.01.04
Herbst
Astern blühen schon im Garten;
Schwächer trifft der Sonnenpfeil
Blumen, die den Tod erwarten
Durch des Frostes Henkerbeil.

Brauner dunkelt längst die Heide,
Blätter zittern durch die Luft.
Und es liegen Wald und Weide
Unbewegt im blauen Duft.

Pfirsich an der Gartenmauer,
Kranich auf der Winterflucht.
Herbstes Freuden, Herbstes Trauer,
Welke Rosen, reife Frucht.

Detlev von Liliencron
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Malve ist offline
Moderatorin
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Im Herbst bei kaltem Wetter
fallen vom Baum die Blätter
Donnerwetter,
im Frühjahr dann,
sind sie wieder dran -
sieh mal an.

Heinz Erhardt


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Leòn ist offline
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Seit: 19.03.06


Pflaumenregen

(Friedrich Güll)


Es steht ein Baum im Garten
von Pflaumen voll und schwer.
Die Kinder drunten warten
und lauschen ringsumher:
Ob nicht der Wind ihn rüttelt
und all die Pflaumen schüttelt,
daß alle purzeln kreuz und quer.

Da horcht, wie's rauscht und rappelt!
Im Wald wacht auf der Wind.
Schon zischelt er und rappelt
und trappelt her geschwind,
und wiegt und biegt die Äste,
dass fast in ihrem Neste
die Finken nimmer sicher sind.
Nun fällt ein Pflaumenregen,
der aber macht nicht nass.
Im Gras herumzufegen,
ist da der größte Spaß.
O Wind, o Wind, o rüttle,
o Wind, o Wind, o schüttle,
wir krapsen ohne Unterlass.


Leòn ist offline
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Der Herbst beginnt...


(Maria Muschka)

Der Herbst beginnt,
schon saust der Wind
und treibt die Vöglein fort.
Wohin, wohin?
Sie alle ziehn an einen
wärmern Ort.
Der Herbst beginnt,
schon bläst der Wind
die Blätter von dem Baum.
Die Blümelein,
sie schlafen ein
und nicken noch im Traum.


Malve ist offline
Moderatorin
Beiträge: 19.995
Seit: 26.04.04
Mmhhh - León - leckere Pflaumen ...


Frühherbst

Die Stirn bekränzt mit roten Berberitzen
steht nun der Herbst am Stoppelfeld,
in klarer Luft die weißen Fäden blitzen,
in Gold und Purpur glüht die Welt.
Ich seh hinaus und hör den Herbstwind sausen,
vor meinem Fenster nickt der wilde Wein,
von fernen Ostseewellen kommt ein Brausen
und singt die letzten Rosen ein.
Ein reifer roter Apfel fällt zur Erde,
ein später Falter sich darüber wiegt -
ich fühle, wie ich still und ruhig werde,
und dieses Jahres Gram verfliegt.

Agnes Miegel (1879-1964)




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Oregano ist gerade online
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Köstliche Früchte...
Und hier ein ganz anderes Herbst-Lied:

Stephanie von Goßlar
Das erste weiße Haar
Was sehe ich? Ein silberweißes Fädchen
Sich heimlich in das Scheitelhaar mir flicht!
Ich bin ja noch kein alterswelkes Mädchen,
Du kleiner Störenfried, ich brauch´ dich nicht.
Ich fühle noch die Lebenslust des Falters,
Der frohbeschwingt um duft´ge Blüten schwirrt;
Du stummer Bote leise nah´nden Alters,
Hinweg mit dir, du hast dich wohl geirrt!

Und doch, und doch - wie ich im Sinnen stehe
Und blicke auf mein erstes weißes Haar,
Da fühl´ ich mit geheimem Abschiedswehe:
Mein Frühling ging und auch der Sommer - war.
So weht im farbenbunten Gartenreiche
Vom Baume leis das erste gelbe Blatt;
So sagt die Flocke uns, die schwanengleiche,
Daß nun der Winter Kron´ und Zepter hat.

Mein Lebensschifflein wurde bis zur Stunde
So sanft gelenkt, so gnadenreich bewahrt;
Nun gibt das erste weiße Haar mir Kunde,
Daß hinter mir schon eine lange Fahrt.
Vor meinem Geiste tauchen auf die Ufer,
Die mich begrüßt, beglänzt vom Morgenrot -
Die Stürme hör´ ich noch, die wilden Rufer,
Die Klippen seh ich, die mir einst gedroht.

Vorbei, vorbei! Die Welle scheucht die Welle
Und durch ihr Rauschen tönt´s: "Vergänglichkeit©¯.
Doch drüben steht in ewigtreuer Helle
Der Stern der göttlichen Barmherzigkeit.
Das schönste Erdenglück für flüchtig achten
Und nach den Gütern, die unwandelbar,
Mit freud´gem Mut, von ganzem Herzen trachten,
Das lehre mich mein erstes weißes Haar!
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Vorsicht mit Gesundheitsbüchern! – Sie könnten an einem Druckfehler sterben. (Mark Twain)


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