Herbst-Gedichte

02.11.05 17:47 #1

Hier finden Deine Gedanken zum Leben ihren Platz
Neues Thema erstellen

Malve ist offline
Moderatorin
Beiträge: 20.000
Seit: 26.04.04
@ Anne: Der meteorologische Herbstanfang ist der 1. September...




Dies ist ein Herbsttag, wie ich keinen sah!
Die Luft ist still, als atmete man kaum,
Und dennoch fallen raschelnd, fern und nah,
Die schönsten Früchte ab von jedem Baum.

O stört sie nicht, die Feier der Natur!
Dies ist die Lese, die sie selber hält,
Denn heute löst sich von den Zweigen nur,
Was von dem milden Strahl der Sonne fällt.

Christian Friedrich Hebbel

Hinweis: Moderatoren sorgen für die Rahmenorganisation im Board. Beteiligen sie sich inhaltlich, sollte aus ihrer Moderatorenfunktion keine spezielle fachliche Kompetenz abgeleitet werden.

Der "metereologische" Herbst

sanne ist offline
Beiträge: 347
Seit: 23.07.06
beginnt - im Gegensatz zum kalendarischen - schon am 1. September.

Eins meiner liebsten (und ich schließe mich den Grüßen für Leòn an):

Ich sah des Sommers letzte Rose steh'n,
Sie war, als ob sie bluten könne, rot;
Da sprach ich schauernd im Vorübergehn:
So weit im Leben ist zu nah am Tod!

Es regte sich kein Hauch am heißen Tag,
Nur leise strich ein weißer Schmetterling;
Doch ob auch kaum die Luft sein Flügelschlag
Bewegte, sie empfand es und verging.
Friedrich Hebbel


Oregano ist offline
Themenstarter Beiträge: 52.276
Seit: 10.01.04
Wir haben mal wieder den gleichen Geschmack, uma
++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++

Bertolt Brecht (1898-1956)

Alljährlich im September, wenn die Schulzeit beginnt
Stehen in den Vorstädten die Weiber in den Papiergeschäften
Und kaufen die Schulbücher und Schreibhefte für ihre Kinder.
Verzweifelt fischen sie ihre letzten Pfennige
Aus den abgegriffenen Beutelchen, jammernd
Daß das Wissen so teuer ist. Dabei ahnen sie nicht
Wie schlecht das Wissen ist, das für ihre
Kinder bestimmt wird.
__________________
Vorsicht mit Gesundheitsbüchern! – Sie könnten an einem Druckfehler sterben. (Mark Twain)


Oregano ist offline
Themenstarter Beiträge: 52.276
Seit: 10.01.04
Verklärter Herbst

Gewaltig endet so das Jahr
Mit goldnem Wein und Frucht der Gärten.
Rund schweigen Wälder wunderbar
Und sind des Einsamen Gefährten.

Da sagt der Landmann: Es ist gut.
Ihr Abendglocken lang und leise
Gebt noch zum Ende frohen Mut.
Ein Vogelzug grüßt auf der Reise.

Es ist der Liebe milde Zeit.
Im Kahn den blauen Fluß hinunter
Wie schön sich Bild an Bildchen reiht -
Das geht in Ruh und Schweigen unter.

Georg Trakl
__________________
Vorsicht mit Gesundheitsbüchern! – Sie könnten an einem Druckfehler sterben. (Mark Twain)

Geändert von Oregano (11.09.06 um 22:48 Uhr)


Leòn ist offline
Beiträge: 10.071
Seit: 19.03.06
Mir ist eigentlich auch noch recht (spät)sommerlich!

Gruß von

Leòn


Malve ist offline
Moderatorin
Beiträge: 20.000
Seit: 26.04.04
Herbstgefühl

Grünen, Blühen, Duften, Glänzen,
Reichstes Leben ohne Grenzen,
Alles steigernd, nirgends stockend.
Selbst die kühnsten Wünsche lockend:
Ja, da kann ich wohl zerfließen,
Aber nimmermehr genießen;
Solche Flügel tragen weiter
Als zur nächsten Kirschbaum-Leiter.
Doch, wenn rot die Blätter fallen,
Kühl die Nebelhauche wallen,
Leis durchschauernd, nicht erfrischend,
In den warmen Wind sich mischend:
Dann vom Endlos-Ungeheuren
Flücht' ich gern zum Menschlich-Teuren,
Und in einer ersten Traube
Sieht die Frucht der Welt mein Glaube.

Christian Friedrich Hebbel


Hinweis: Moderatoren sorgen für die Rahmenorganisation im Board. Beteiligen sie sich inhaltlich, sollte aus ihrer Moderatorenfunktion keine spezielle fachliche Kompetenz abgeleitet werden.


Oregano ist offline
Themenstarter Beiträge: 52.276
Seit: 10.01.04
Oskar Wilde

Als ich das Dies Irae in der Sixtinischen Kapelle hörte

Nein, Gott, nicht so! Lenzfrohes Knospenspringen,
Olivenhain, der Taube Silberbrust
Zeigt klarer deiner Liebe Sein und Macht
Als Flammenschreck und Donnerkeulenschwingen.

Die roten Reben dein Gedenken bringen;
Ein Vogel, der des Abends westwärts fliegt,
Sagt mir von Ihm, den niemals Rast gewiegt;
Von dir, ich weiß es, alle Vögel singen.

Nein, komm nicht so! Komm in des Herbsttags Stille,
Wenn rot und braun entflammt die Blätter sind
Und über Wäldern echot Schnittersang.

Komm, wenn des runden Mondes Glanz und Fülle
Auf goldne Ährenbündel nieder rinnt,
Und ernte deine Frucht: wir harrten lang.

Oscar Wilde
__________________
Vorsicht mit Gesundheitsbüchern! – Sie könnten an einem Druckfehler sterben. (Mark Twain)


Leòn ist offline
Beiträge: 10.071
Seit: 19.03.06
Knarren eines geknickten Astes

von Hermann Hesse

Splittrig geknickter Ast,
Hangend schon Jahr um Jahr,
Trocken knarrt er im Wind sein Lied,
Ohne Laub, ohne Rinde,
Kahl, fahl, zu langen Lebens,
Zu langen Sterbens müd.
Hart klingt und zäh sein Gesang,
Klingt trotzig, klingt heimlich bang
Noch einen Sommer,
Noch einen Winter lang.


Oregano ist offline
Themenstarter Beiträge: 52.276
Seit: 10.01.04
Herbst

Schon ins Land der Pyramiden
Flohn die Störche übers Meer;
Schwalbenflug ist längst geschieden,
Auch die Lerche singt nicht mehr.

Seufzend in geheimer Klage
Streift der Wind das letzte Grün;
Und die süßen Sommertage,
Ach, sie sind dahin, dahin!

Nebel hat den Wald verschlungen,
Der dein stillstes Glück gesehn;
Ganz in Duft und Dämmerungen
Will die schöne Welt vergehn.

Nur noch einmal bricht die Sonne
Unaufhaltsam durch den Duft,
Und ein Strahl der alten Wonne
Rieselt über Tal und Kluft.

Und es leuchten Wald und Heide,
Daß man sicher glauben mag,
Hinter allem Winterleide
Lieg' ein ferner Frühlingstag.


Theodor Storm
__________________
Vorsicht mit Gesundheitsbüchern! – Sie könnten an einem Druckfehler sterben. (Mark Twain)


Oregano ist offline
Themenstarter Beiträge: 52.276
Seit: 10.01.04
Indian Summer.
Again the leaves come fluttering down,
Slowly, silently, one by one__
Scarlet, and crimson, and gold, and brown,__
Willing to fall, for their work is done.

And once again comes the dreamy haze,
Draping the hills with its filmy blue,
And veiling the sun, whose tender rays
With mellowed light come shimmering
through.

Softly it rests on the sleeping lake
This filmy veil__and the distant shore,
Fringed with tangles of bush and brake,
Shows a dim blue line and nothing more.

The winds are asleep, save now and then
Some wandering breeze comes stealing by,
Softly rises, then sinks again,
And dies away like an infant's sigh.

You feel the spell of these dreamy days
I know__for your heart is in tune with
mine.
You love the stillness, the tender haze;
I know for your thoughts with my own
entwine.

But this dreamy calm, this solemn hush,
The sleeping winds, and the mellow glow,
Only foretell the tempest's rush,
The icy blast, and the whirling snow.

We__you and I must bow to the frost,
When our locks are white with its hoary
kiss;
Our last rose scattered, its petals lost;
May our Indian Summer be calm__like this.
__Ellen P. Allerton

http://skyways.lib.ks.us/poetry/walls/index.html
__________________
Vorsicht mit Gesundheitsbüchern! – Sie könnten an einem Druckfehler sterben. (Mark Twain)


Optionen Suchen


Themenübersicht