Alt werden, alt sein

09.11.11 21:34 #1
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Alt werden, alt sein
Männlich Windpferd
Guten Abend Ihr Alternden,

manchmal werde ich rückfällig. Heut Abend ein kurze Autofahrt. Autoradio: ein langsamer Satz aus einer Mahler-Symphonie, die ich ewig nicht mehr gehört habe. Fortwährender Aufschwung (crescendo, vier Töne) zur Dominante, Celli und Bratschen, dann ein tiefer Abstieg, wie Energie schöpfend - und sofort wieder, sforzato, die hohe Dominante - Gebet, Unbedingheit, Sehnsucht, Erfüllung. Außerdem genau die Musik, die ich demnächst als Geschenk brauchen werde. Wir mühsam sein, rauszufinden, aus welcher Symphonie. (Dieses "Klassikradio" macht keine Angaben.) Tippe erst mal auf die Fünfte. Jedenfalls: Alter spielt hier keine Rolle. (Fühlte mich nach ein paar Takten körperlich vitaler. Und die eigentlich "normale" Müdigkeit ist weg.) Auch nicht speziell jugendlich. Jenseits von diesen Kategorien.

Überhaupt Musik. Auch Dein D-Dur-Klavierkonzert, Margot. Ein unmittelbar wirksames Antidepressivum. Königlich-zärtlich. (Und schwere Körperverletzung, eine Zehnjährige dazu zu zwingen.) Das wäre ein weites Feld.

Ich wünsch uns allen viele Rückfälle.

Gute Nacht
Windpferd

Alt werden, alt sein

Oregano ist offline
Beiträge: 63.714
Seit: 10.01.04
Bei solchen Rückfällen bin ich dabei, Windpferd , wobei ich denke, daß es für ein gewisses Alter spricht, wenn ein Mahler oder wie bei mir Mozart, Händel, Purcell und viele mehr für Belebung sorgen können. - Übrigens aber auch für Beruhigung.

Meine Mutter sprach lange Zeit auf klassische Musik an, obwohl sie längst nicht mehr wahrnehmbar am Leben teilnehmen konnte. Das waren dann unser "gemeinsamer Nenner", als wir uns anders nicht mehr verständigen konnten.


Grüsse,
Oregano

Alt werden, alt sein

Rota ist offline
Themenstarter Beiträge: 2.638
Seit: 22.07.08
Guten Abend

Oregano und Windpferd,

kann es sein, daß ich momentan auf dem Schlauch stehe?
Was meint Ihr mit Rückfall?

Dieser Greis in der Hängematte liegt zwar wie ein Baby in der Wiege, man weiß aber nie, was er gerade ausheckt

Übrigens,
es war das Violinkonzert von L.v.Beethoven das ich gespielt habe

und,
leider kann ich momentan die wunderbare Laute nur sehr leise hören. schade.

Liebe Grüße
Margot
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Alles Gelingen hat seine Gründe, alles Mißlingen hat sein Geheimnis Joachim Kaiser, Musikkritiker

Geändert von Rota (22.11.11 um 22:23 Uhr) Grund: Ergänzung

Alt werden, alt sein
Männlich Windpferd
Hi, Du liebes Rad

(mich erheitert Deine Namensänderung. Ein Zeichen von Jugend, da bin ich sicher. Und ist das Rad nicht im Wiener Prater?)

Mir kam etwas Skepsis in Bezug auf unseren Umgang mit dem Konzept "Alter". Existiert so etwas wirklich? oder handelt es sich um wechselnde Gewohnheiten, Sachverhalte zu benennen? Wobei man immer fragen kann: warum benennt jemand dies oder jenes als "Alters"-Erscheinung, wann aber gerade nicht.

In der buddhistischen Tradition werden vier Arten oder Quellen des Leidens unterschieden: Geburt, Altern, Krankheit und Tod. Die Idee: Leben altert von Anfang bis zum Ende. So ist Altern der Vergänglichkeit sehr nahe. Schon als Kleinkinder verlieren wir fortwährend geliebte Lebensmöglichkeiten, Optionen, Fähigkeiten, Chancen. Und das setzt sich lebenslang fort. Ab wann soll man einen derartigen Verlust als Zeichen von "Alter" bezeichnen? Ist das nicht eine sinnlose Frage? Diese Bezeichnungen haben schwerwiegende Folgen - aber keinen soliden Grund. Vielleicht liegt's an unserer Zivilisation: Attribute, die man im Laufe des Lebens erwerben kann, werden geringer bewertet als jene, die man früh hat und verliert. Aber die Wertsysteme sagen ja nichts über die Wirklichkeit aus - nur über den, der sich daran orientiert.

"Die Jahre nahmen dir, du sagt, so vieles,
Die eigentliche Lust des Sinnenspieles . . .
Mit bleibt genug. Es bleibt Idee und Liebe."
Meine Mutter, fast 30 Jahre älter als ich, ermahnte mich manchmal (als ich schon um die 50 war) mit großem Ernst "Werd blos ned oid!". Das implizierte klar, daß Altwerden freie Entscheidung sei. Sie sagte es, wenn sie den Eindruck hatte, ich lasse mich hängen, resignisiere, gebe auf - unnötigerweise. "Blos ned nouloua!" (Oberpfälzisch, sorry.) Und eine Nenntante namens Betta mit schwerer Polyarthritis instruierte sich laut selber, ehe sie sich irgendwie aus ihrem Sessel hievte: "Auf, Bettl. So oid bist no lang ned!"

Auch fallen mit viele Beispiele ein dafür, daß ich mir selber was vormache, vormachte. Und anderen auch. Es war / ist mir peinlich, Zahnprothesen zu haben. Ich erklärte regelmäßig ausführlich meine dentistische Leidensgeschichte (vom mütterlichen Amalgam bis zu den Kieferherden), speziell potentiellen Freundinnen, auf daß der Gedanke nicht auftauche, ich sei eben alt. Tauchte natürlich erst recht auf. (Heiter war's mit kleinen Kindern: die finden's fazinierend, wenn jemand die Zähne herausnehmen oder ausspucken kann. Warum eigne ich mir denn nicht deren Sichtweise an?) - Oder die naive Freude über Laborbefunde, die "in der Norm" sind. Trotz des besseren Wissens, daß viele Referenzbereiche altersspezifisch sind. - Oder eine Oberschenkelhalsfraktur: nein, das ist kein Altersleiden, auch sehr Junge könnten schon ... Trotz des besseren Wissens, daß, mit der Knochendichte von 20, der Schenkelhals diesen Sturz überstanden hätte. - Oder die Prostata - völlig harmlos, klar. Bei diesem cPSA ... usw.

Wr haben keine existentielle Beziehung zum Tod. Und versuchen uns, dessen Vorboten vom Leib zu halten oder notfalls wegzuretuschieren. Das ist nicht naturgegeben, auch nicht notwendig. Denn wer sagt denn, daß Tod schrecklich sei? Das denken wir. Es ist auch eine viel positivere, realistischere Sicht möglich. Als Mahnung z.B., die verbleibende Gegenwart bestmöglich zu leben. Die Zeit, in der ich etwas verschieben kann, wird immer kürzer.

In diesem Sinn -

liebe Grüße
Windpferd

Geändert von Windpferd (24.11.11 um 00:17 Uhr)

Alt werden, alt sein

fauna ist offline
Beiträge: 1.571
Seit: 27.11.09
Hallo miteinander
Zitat von Windpferd Beitrag anzeigen
.... Die Idee: Leben altert von Anfang bis zum Ende. So ist Altern der Vergänglichkeit sehr nahe. Schon als Kleinkinder verlieren wir fortwährend geliebte Lebensmöglichkeiten, Optionen, Fähigkeiten, Chancen. Und das setzt sich lebenslang fort.
Hmm... ist das wirklich so? - Wir gewinnen aber auch dauernd an neuen Möglichkeiten. Vielleicht gibt es auch andere Ideen, wie wir unser menschliches Leben sehen können. - Gewinnen wir? Verlieren wir? - Wir scheinen in einem dauernden Prozess der Veränderung zu sein.

Ist das Glas halbvoll? Ist das positiv, weil wir noch Wein haben? Ist das negativ, weil wir dankbar sind, dass das Glas bald leer ist?
Ist das Glas halbleer? Ist das positiv oder negativ?

Das Urteil, die Wertung macht es aus. - Es ist äusserst herausfordernd, zu vertrauen, ohne zu werten. Zu erkennen, dass wir in einer Illusion der Realität leben, die so sehr real erscheint. Unsere Sinne zeigen uns, dass wir im menschlichen Leben altern und dabei dauernd irgend etwas verlieren.

Wie wäre es, wenn wir dauernd etwas gewinnen würden? Vielleicht die Erkenntnis über unsere wahre Essenz?

Liebe Grüsse und einen wunderbaren Tag allen, fauna

Alt werden, alt sein

Oregano ist offline
Beiträge: 63.714
Seit: 10.01.04
Bei Gesprächen über das Alter und vor allem die "Gebresten" des Alterns und Alters fällt mir immer wieder auf, daß es Menschen gibt, die da viel zu erzählen haben. Ihre Gespräche drehen sich hauptsächlich um eben diese "Gebresten". Das ist ihre Fixierung, und ich denke, daß ein Teil davon eine Entscheidung zum Thema ist: ich kann mein Leben so leben, daß ich mich auf eher unerfreuliche Entwickungen konzentriere. Oder ich kann mein Leben so leben, daß ich mich auf Entwicklungen und Neues konzentriere, wovon ich dann auch wieder berichten kann.
Für ganz besonders wichtig halte ich, daß der Umgang mit Menschen aller Art bleibt, damit auch die Übung bestehen bleibt, mit ihnen umzugehen, sich für sie zu interessieren, sich mit ihnen zu beschäftigen, aus meinem "Ego-Kreis" immer wieder herauszutreten.

Vielleicht ein Lese-Tipp?:
Bücher von Amazon
ISBN: 3518455516


Grüsse,
Oregano

Alt werden, alt sein

Rota ist offline
Themenstarter Beiträge: 2.638
Seit: 22.07.08
Hallo Windpferd,
(mich erheitert Deine Namensänderung. Ein Zeichen von Jugend, da bin ich sicher. Und ist das Rad nicht im Wiener Prater?)
Das freut mich, daß Du erheitert bist.

Dieses Rad steht nicht im Prater, sondern es stand vor ein paar Jahren, nur kurze Zeit hinter einer Siemenszweigstelle. Ich fuhr in der Nacht über den Ring zu einem Vortrag und sah dieses Riesending da stehen, nur kurz beleuchtet Ich dachte, ich träume. Ich fuhr in der Dunkelheit zurück und fand es nicht mehr.

Es hat mir keine Ruhe gelassen und so bin ich am nächsten Abend wieder die Strecke gefahren und siehe da, es stand wirklich da. Man konnte es gerade so zwischen zwei Gebäuden sehen. Jetzt war es fällig. Ein Foto war schnell gemacht und schau an, jetzt hats auch noch eine Funktion bekommen.

Dieses Rad soll Euch einladen mit zu fahren. In jeder Gondel findet sich ein Thema, über das wir uns austauschen können. Vornehmlich natürlich über Hildegard von Bingen.

Heute muß ich noch viel erledigen, mein Mann hat morgen Geburtstag und wünscht sich "opendoor", das heißt, ich muß für jeden Geschmack der so hereintropfenden Gäste etwas vorrätig haben. Mal sehen, ob ich seit letztem Jahr wesentlich älter geworden bin. Organisieren fällt mir nämlich immer schwerer. :keineah nung:

Liebe Grüße
Das Rad
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alibiorangerl ist offline
Beiträge: 8.949
Seit: 09.09.08
Wuhu,
Trauriges entsteht, wird gemacht, erlitten...

Traurig macht mich auch der Umstand, wie der in diesem Thread bereits erwähnte Künstler - in noch gar nicht so hohem Alter - aus dem Leben sich verabschiedete...

Aber auch dieses Thema gehört wohl zum "Alt werden, alt sein" - Krankheiten, denen man nicht (mehr) mächtig wird, mit "dem Freitod quasi ein Schnippchen zu schlagen"...

Zitat von Oregano Beitrag anzeigen
Hier noch ein anderes Lied mit Ludwig Hirsch "Komm' großer schwarzer Vogel". Ich mag es sehr...

Komm Großer Schwarzer Vogel,Ludwig Hirsch 1993 - YouTube
Fanpage von Ludwig Hirsch mit dunkelgrauen Liedern, Texten, Bildern, Berichten ...

Das Vermächtnis von Ludwig Hirsch - news.ORF.at

Ludwig Hirsch: Todkrank whlte der Knstler den Freitod - Sein letzter Ausweg - Stars & Society - krone.at

Ludwig Hirsch ist tot - Ludwig Hirsch - derStandard.at

und viele Seiten mehr... google.at-Suche

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Alt werden, alt sein

Rota ist offline
Themenstarter Beiträge: 2.638
Seit: 22.07.08
Liebes Alibiorangerl,

kannst Du dir vorstellen, daß dieser Künstler irgend wann einmal an Alterschwäche gestorben wäre? Oder an den Folgen einer jahrelangen Therapie?
Ich finde, er hat Stil gehabt und er wußte schon lange, daß er einmal aus dem Fenster fliegen wird.

Ich wünsche Ihm einen guten Flug.

Liebe Grüße
Das Rad
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alibiorangerl ist offline
Beiträge: 8.949
Seit: 09.09.08
Wuhu,
natürlich kann ich mir dies alles vorstellen, hätte ihm das eine freilich auch sehr gewünscht, das andere selbstverständlich nicht...

Ich denke nicht, dass er sich umgebracht hätte, hätte er nicht die Diagnose "unheilbarer Krebs" bekommen; Natürlich, viele werden meinen "selbst schuld" - war er doch ein starker Raucher...
Trotzdem bin ich traurig, hätte er doch sicher noch einiges (zB auch künstlerisches) vorgehabt im (aktuellen) Leben... Uns mit neuen Lieder beschenkt...

Tja, wer weiß, wo ihn "dieser Flug" hinführt...

Was ich dabei auch "rüberbringen" wollte, war das Thema "würdevoller Tod" (wäre dies zB durch "Sterbehilfe" möglich, hätte er sich nicht aus dem Fenster stürzen müssen), es wurde ja bereits etwas weiter vorher im Thread angesprochen...
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