Es war einmal - vor mehr als 60 Jahren

05.06.07 21:17 #1
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Oregano ist offline
Beiträge: 60.256
Seit: 10.01.04
1945 war der 2. Weltkrieg zu Ende. Viele der damaligen Kriegsteilnehmer und der Frauen, die zu Hause blieben, leben nicht mehr. Viele der Kriegsheimkehrer haben nie oder kaum über ihre Kriegserlebnisse gesprochen. Das Schweigen war dennoch oft beredt.
Ich bin sicher, daß diese unausgesprochenen Erlebnisse, die ja oft schrecklich waren, als "Familiengeheimnisse" auch auf die Nachfahren, also die Söhne und Töchter, die Enkel und Enkelinnen übergegangen sind.

Hier Nachdenkliches über die Erzählungen und Aufzeichnungen eines Vaters:
Vater-Soldat(Internet-Ausdruck)************************************

Uta

Es war einmal - vor mehr als 60 Jahren

Horaz ist offline
Beiträge: 5.734
Seit: 05.10.06
Hallo Uta,

das ist sehr interessant. Ich kenne Kriegserzählungen in übergroßer Menge. Mein Vater kam seinerzeit in nahezu jeder Diskussion irgendwann auf den Punkt, wo er auf den Krieg zu sprechen kam. Wir konnten es alle nicht mehr hören. Er hat wohl vieles nicht verarbeitet; war wahrscheinlich für sein Leben traumatisiert und sprach doch nur in Anektotenform davon. Jetzt ist er lange tot, aber ich habe mir oft gedacht, er hat das Entsetzen und alle Verletzungen nie überwunden und die Sensibilität der anderen, der Kinder sowieso, hielt sich in Grenzen. Heute kann ich das einschätzen, als Kind zuzuhören nervte bloß.

Gruß, Horaz

Es war einmal - vor mehr als 60 Jahren

Holon ist offline
Beiträge: 241
Seit: 04.04.07
hallo,
dies ist ein thema das, wie ich glaube, noch immer tief in unsere gesellschaft hinein wirkt.
gerade die "unmöglichkeit" der bearbeitung macht die erlebten traumatas zu familienthemen welche generationen lang "kettelaufen" können.

so ist auch mein vater als "held" stolz in einen krieg gezogen und ist schwer angeschlagen als verlierer und als einer der für die falsche sache getötet hat zurückgekehrt.
die jenigen die noch kurzvorher zugejubelt haben schämten sich für die taten der heimkehrer. (zurecht!)
es geht nicht darum, das was angerichtet wurde mit dem aufzuwiegen was die täter auszuhalten hetten!.

doch wenn wir an eine verarbeitung gehen wollen, sollte verstanden werden was da passiert ist.
öfter als man vieleicht glaubt, kommen menschen in therapeutische behandlung die von kriegsheimgekehrten väter mißhandelt wurden.
(ich habe sehr viele solcher erlebnisse mit klienten zurückverfolgt)
auch die gefühlsblockaden dieser ehemaligen soldaten sind teil des problems unserer "vaterlosen" gesellschaft.
diese väter sind oft menschen die emotional niemanden mehr an sich herranlassen konnten, auch nicht ihre kinder.
ganz gut dargestellt ist das im film "das wunder von bern".

aus amerikanischen studien* weiß man, dass extreme gewaltbereitschaft, depression und angstzustände um viele hunderte prozent bei kriegsveteranen höher liegen als bei vergleichbaren gruppen.
alldies gilt natürlich auch und bisweilen in höherem maße für die überlebenden opfer ihrer handlungen.
eine aufarbeitung muß auch beinhalten das über die schreckenserlebnisse (auch der der eigenen taten) geredet werden kann.
und dabei geht es nicht um das gebetsmühlenartige wiederholen von anektoten oder helden storys, sondern um das was als fast unaussprechbar empfunden wird.

gute bücher dazu:
"Trauma-Heilung" Das Erwachen des Tigers
*"Das Trauma heilen"

lieber gruß
andreas

Es war einmal - vor mehr als 60 Jahren

Oregano ist offline
Themenstarter Beiträge: 60.256
Seit: 10.01.04
Wenn wir jetzt über den 2. Weltkrieg reden, klingt das schon ziemlich weit weg.
Aber es gibt ja auch jetzt Kriege, z.B. den Iran-Krieg. Afghanistan gilt zwar nicht mehr als Kriegsland, aber dennoch befinden sich dort Soldaten.
Auch diese "Krieger" werden traumatisiert und tragen ihre Erlebnisse laut oder leise in ihre Familien...

Gruss,
Uta

Es war einmal - vor mehr als 60 Jahren

Oregano ist offline
Themenstarter Beiträge: 60.256
Seit: 10.01.04
60 Jahre danach

Die Generation der „Kriegskinder“ (1933 – 1945)
„Es bricht alles auf, plötzlich ist alles wieder da, was man als Kind erlebt und in sich verkapselt hat. Es bricht auf und es ist da und erfasst einen körperlich. (...) Die Traumaforschung weiß heute, dass man vierzig, fünfzig Jahre braucht, um sich dem Schrecken zu stellen, Worte der Erinnerung zu finden, das Entsetzen zu schildern, das unter dem Vergessen liegt. Es ist doch eine fast körperliche Vernichtung der eigenen Identität. Man ist ja nicht unbeschädigt. Man ist nur zufällig dem Tod entgangen. Das wusste man auch als Kind, dass man nur zufällig überlebt hat. In dem Moment, als wir im Keller von der Pritsche hoch sind, weil wir getroffen wurden und zum Durchbruch rannten, krachte hinter uns die Mauer zusammen und fiel auf die Pritsche, auf der ich mit meiner Mutter und meinem Bruder immer saß, es war unser Platz, es war ja alles zugeteilt, es gab einen Luftschutzwart, es war alles geordnet. Da musste man sitzen. Wir rannten los und da brach die Mauer ein. Wenn wir zwei Sekunden länger gewartet hätten, wären wir tot gewesen. (...) Das vergisst man auch nicht mehr.“Dieter Forte, geboren 1935 in Düsseldorf, in einem Gespräch über Luftkrieg und Literatur mit Volker Hage, Literaturredakteur des „Spiegel“, am 17. Februar 2000 in Basel.
„Was nicht tötet, härtet ab“ „Und dann ist es da, das Erinnern...“

Uta

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Pius Wihler ist offline
Beiträge: 1.018
Seit: 24.09.04
Morgen, am 6. Juni (1944) ist der Jahrestag der Landung der Allierten in der Normandie....
Was wäre in Europa, wenn die Engländer und Amerikaner nicht zu Hilfe gekommen wären?....
Dann wären wir Schweizer vermutlich nicht mehr "freie" Schweizer.....
__________________
Gib einem Hungernden einen Fisch, und er hat zu Essen für einen Tag.
Lehre ihn angeln, so hat er zu Essen für das ganze Leben.

Einen schönen Tag wünscht Dir Pius

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Leòn ist offline
Beiträge: 10.065
Seit: 19.03.06
Hallo,
ich danke Dir, Uta für dieses Thema! Es hat mich sofort berührt, insbesondere auch das, was Horaz und Holon geschrieben haben. Mein Vater war während des gesamten Krieges Soldat gewesen. Er war zwei Mal verwundet worden und danach jeweils wieder an die Front zurückgekehrt. Von den Umständen um die Verwundungen abgesehen, hat er mir auch überwiegend von "schönen" Erlebnissen berichtet, die - das kann ich heute beurteilen - ja vermutlich nur einen verschwind geringen Teil dessen, was er er erlebt hat, dargestellt haben.

Was er aus dem Krieg mitgebracht hat, war eine Liebe zum Mittelmeerraum, zur griechischen Kultur und zur Mythologie. Er hatte, während der Besetzung Kretas, griechisch gelernt und viele Geschichten mitgebracht, die er mir erzählte, als ich klein war. Das erste Buch, das ich mir wünschte, als ich lesen konnte, war eine Ausgabe der "Griechischen Sagen", nach Gustav Schwab. Das habe ich natürlich heute noch. Irgendwie war er auch stolz darauf, dass er der Erste war, der auf Kreta Kartoffeln angebaut hatte (wenn es stimmt).

Er lehnte später Krieg ab und sah dem Erstarken der "Volksparteien" mit großer Skepsis entgegen. Andererseits befürwortete er die Bundeswehr als Verteidigungsarmee und gewisses nationales Gedankengut hat er auch beibehalten.
Wenn ich zurückdenke, war es eher meine Mutter gewesen, die mir das Fazit vermittelte, dass Krieg furchtbar sei und so etwas nicht wieder vorkommen dürfte. sie hatte die Zerstörung ihrer Heimatstadt in einem Luftschutzkeller er- und überlebt.
Dass ich den Kriegsdienst verweigert habe, hat mein Vater nicht mehr miterlebt und ich glaube, er wäre nicht wirklich begeistert gewesen.

Zitat Holon:
dies ist ein thema das, wie ich glaube, noch immer tief in unsere gesellschaft hinein wirkt.
gerade die "unmöglichkeit" der bearbeitung macht die erlebten traumatas zu familienthemen welche generationen lang "kettelaufen" können.
Ja, das denke ich auch. Und die gesellschaftliche Dimension ist gewichtig. Ein Freund von mir hat mal von einer "durch Nationalsozialismus und Krieg zutiefst depressiven Gesellschaft" gesprochen. Wobei ich den Aspekt der "Demut", die darin zum Tragen kommen kann, durchaus begrüßenswert finde.

Herzliche Grüße von
Leòn

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Holon ist offline
Beiträge: 241
Seit: 04.04.07
hallo,
ich habe das bedürfniss eines der mir bekannten erlebnisse meines vaters hier zu teilen.
es ging um deutsche soldaten die in den letzten kriegsmonaten "fahnenflucht" begehen wollten und gefasst wurden.
die aufgabe meines vaters (seines ranges wegen) war es, die erschießung seiner ihm untergebenen kameraden anwesend zu bezeugen. damit deren tot sichergestellt war.

ich kann auch jetzt wo ich es schreibe nie daran denken ohne das mir noch ganz eng und traurig wird.
ich habe eigtl. selber keine worte um diesem ereigniss emotional gerecht zu werden.
es gibt nur meine inneren bilder hierzu und es kostet mich viel in diesem senario das gesicht meines vaters mir bildhaft vorzustellen.

gruß
andreas

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Leòn ist offline
Beiträge: 10.065
Seit: 19.03.06
Lieber Holon,

das ist sehr traurig.
Ich kann nur wenig dazu sagen, als dass ein Grund mehr ist, sich gegen Waffenhandlungen und Krieg, wo und wann auch immer, einzusetzen.

Herzliche Grüße von
Leòn

Geändert von Leòn (06.06.07 um 23:13 Uhr)

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Oregano ist offline
Themenstarter Beiträge: 60.256
Seit: 10.01.04
Der Vater einer Freundin von mir war Aufseher in einem Kz. Die Freundin ist erst nach dem Krieg geboren, und der Vater führte weiter das Leben eines "aufrechten" Deutschen und war sich überhaupt keiner Schuld bewußt, obwohl er auch an Erschießungen teilgenommen hatte.

Meine Freundin hat jahrelang immer damit zu kämpfen gehabt, daß sie sich eigentlich immer schuldig fühlte, wußte aber nie so recht, warum .
In einer Familienaufstellung wurde dann auch der Vater auf der einen Seite und die "Opfer", also die KZler auf der anderen Seite aufgestellt. Die Freundin stand dabei und fühlte eine ganz starke Verbindung zu den Gefangenen und sehr wechselnde Gefühle für ihren Vater.
Sie wurde dann in der Aufstellung von ihrem Vater und den GEfangenen "entkoppelt". Seitdem kann sie ihr "ich bin schuld" wesentlich besser bearbeiten und es sein lassen.

Das Thema "Familienstellen" möchte ich hier aber lieber nicht innerhalb dieses Themas diskutieren. Das hatten wir ja auch schon. Familienstellen steht und fällt mit dem Therapeuten. Da die Verknüpfung mit Hellinger immer noch sehr stark ist, sollte man deshalb besonders kritisch sein, zu wem man sich da begibt.
ZEIT online - Dossier - familie : Da sitzt das kalte Herz!

Gruss,
Uta

Geändert von Oregano (06.06.07 um 16:44 Uhr)


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