Es war einmal - vor mehr als 60 Jahren

05.06.07 21:17 #1
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Es war einmal - vor mehr als 60 Jahren

Leòn ist offline
Beiträge: 10.065
Seit: 19.03.06
Ich möchte niemandem zu nahe treten. Dennoch will ich aussprechen, dass ich denke, dass das Flüchtlingsschicksal ein sehr hartes und schweres war und ist. Man kann dort, wo man flieht, nicht bleiben. Und dort, wo man hinkommt ist man (in der Regel und bei der Mehrheit) nicht willkommen.
Wir hatten im Dorf auch ein paar Flüchtlingsfamilien, aus Schlesien und Ostpreußen. Meine Eltern waren recht aufgeschlossen, andere haben aber viel getuschelt und es den Leuten teilweise nicht leicht gemacht. Irgendwie war so eine latente Erwartung da, dass sie wieder weggehen mögen. Aber wohin?

http://www.symptome.ch/vbboard/nachd...hrhundert.html

Herzliche Grüße von
Leòn

Geändert von Leòn (10.06.07 um 16:37 Uhr)

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Oregano ist offline
Themenstarter Beiträge: 60.176
Seit: 10.01.04
In meinem Heimatort gab es bis zum Kriegsende fast keine Protestanten. Alles war in bester katholischer Ordnung. Dann kamen mit den Flüchtlingen auch die Protestanten. Wir bestaunten sie, die kath. Pfarrer machten abfällige Bemerkungen über die "Heiden" . Aus heutiger Sicht unglaublich. Es wurden "Behelfsheime" für die Flüchtlinge gebaut, und meine Eltern meinte, dort solle ich lieber nicht hingehen. Das machte die ganze Sache natürlich noch viel interessanter, und ich hörte mit Staunen, was diese Leute hinter sich hatten. Im Grunde wurde das aber einfach übergangen, statt daß die Chance genutzt wurde, hier etwas über andere Sitten und Länder, über das Schicksal dieser Flüchtlingen usw. zu erfahren.
Wie Leòn schreibt: die Flüchtlinge wurden grossenteils nicht mit Freundlichkeit aufgenommen, und es haftete ihnen viele Jahre lang eine Art "Namensschild" an "Flüchtling!".

Ich bedaure heute, daß sicher auch unser einheimisches Verhalten nicht immer freundlich war.

Gruss,
Uta

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Oregano ist offline
Themenstarter Beiträge: 60.176
Seit: 10.01.04
Ganz stark müssen die deutschen Schriftsteller den Verlust der Sprache nach ihrer Flucht aus Deutschland im 3. Reich im Exil empfunden haben. Manchen mit Weltruhm war das vielleicht nicht ganz so schlimm wie anderen.
Nur einige davon:
Die Familie Mann: Thomas, Heinrich, Klaus, Erika Mann (Familie - Wikipedia)
Oskar Maria Graf www.exil-archiv.de/html/biografien/graf.htm
Berthold Brecht Exilliteratur
Ludwig Feuchtwanger Autoren, deren Werke den Bücherverbrennungen zum Opfer fielen
Anna Seghers anna-seghers.de - Biographie: Mainz 1900-1920
Alfred Kerr www.exil-archiv.de/html/biografien/kerr.htm

und viele mehr: www.exil-archiv.de/html/biografien/index_biografien.htm

Gruss,
Uta

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Leòn ist offline
Beiträge: 10.065
Seit: 19.03.06
Aus Angst vor dem "Sprachverlust" sind manche gar nicht ins Exil gegangen, sondern in die "Innere Emigration".

Ein sehr bekanntes Beispiel dafür ist Erich Kästner http://www.ursulahomann.de/ErichKaes...er/kap001.html
Erich Kästner

Aber auch Ricarda Huch
Ricarda Huch - Wikipedia
Werner Bergengruen
Werner Bergengruen - Wikipedia
Oskar Loerke
Oskar Loerke - Wikipedia

und einige andere Gegner des Naziregimes, verhielten sich so.

(Ein tolles, nicht mehr ganz junges Buch zum Thema der "verbrannten Dichter" ,möchte ich hier mal empfehlen:
www.literaturtipp.com/rezensionen2003/dieVerbranntenDichter.html )

Ein Großonkel von mir, ein Seemann, nach dem ich übrigens benannt wurde , hat - allerdings in der Zeit der Weimarer Republik - einmal den Versuch unternommen, in die USA auszuwandern. Nach drei Jahren ist er zurückgekehrt. Obwohl er recht gut Englisch sprach, soll er gesagt haben, dass ihm die Mutter - Sprache gefehlt hat.

Herzliche Grüße von
Leòn

Geändert von Leòn (17.06.07 um 00:35 Uhr)

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Oregano ist offline
Themenstarter Beiträge: 60.176
Seit: 10.01.04
Gerade habe ich den Bericht über eine Flucht aus Ostpreussen gefunden:
Tilsit-Ragnit : Flucht aus Ostpreußen

Eine Frau (geb. 1936) erzählt von ihrem Leben.

Wenn ich mir vorstelle, wie es gewesen sein muss, mit 19 Jahren flüchten zu müssen, alles hinter sich zu lassen, nicht zu wissen, wohin es geht: da wird mir schon sehr nachdenklich zumute.

Gruss,
Uta

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Leòn ist offline
Beiträge: 10.065
Seit: 19.03.06
Im Zusammenhang mit einem anderen Thread fiel mir dieser Film wieder ein:

Nicht alle waren Mörder (Film - Wikipedia)
Widerstand gegen den Nationalsozialismus - Wikipedia

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Malve ist offline
Moderatorin
Beiträge: 22.333
Seit: 26.04.04
Hallo Leòn,

vor einigen Jahren war ich bei einem Abend mit Michael Degen; er las Passagen aus seinem Buch und berichtete aus jener Zeit. Die Lesung war sehr emotional, es gab ergreifende Momente.
Natürlich habe ich mir danach das Buch gekauft, und als der Film im Fernsehen lief war es ein Muss, einzuschalten.

Liebe Grüsse,
uma

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mikado ist offline
Beiträge: 174
Seit: 11.10.06
liebe uta,
weihnachten 1944 kam ein grosser trek fluechtlinge von ostpreussen durch die stadt in hinterpommern wo ich wegen der bombardierung des ruhrgebietes evakuiert war (13 jahre ohne eltern) als wir der oma auf einem pferdewagen heissen kaffee reichen wollten, merkten wir , dass sie ihn nicht mehr brauchte.sie war erfroren.

ich selbst bin am 19.feb.1945 mit dem letzten verwundeten zug rausgekommen, danach war die bahnlinie in russischer hand.

zeitmaessig kann es gar nicht moeglich gewesen sein, dass DER fluechtlingstrek noch durchgekommen ist.

ich kam am 26. feb.1945 nach 7 tagen flucht in meiner heimatstadt an,zeitlich richtig fuer die letzten beiden terrorangriffe auf meine heimatstadt.

ich brauch es mir nicht vorzustellen, ich hab's gesehen.

und wenn der ganze schnee verbrennt , die asche bleibt uns doch !

gruss
mikado

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mikado ist offline
Beiträge: 174
Seit: 11.10.06
hallo leon,

du sagst, dass deinem grossonkel die muttersprache in usa gefehlt hat.

wenn man der muehlenberg legende glauben schenkt,hat es sich 1790 um eine stimme gehandelt,dass die landessprache englisch und NICHTdeutsch wurde. (ich weiss, das war vor der weimarer-republik)

es gibt auch heute noch viele ecken in usa wo sehr viel deutsch gesprochen wird.

egal aus welchem teil der welt man heutzutage einwandert, wenn man seine artgenossen um sich haben moechte, brauch man nur zu schauen, sie sind alle vertreten.

auch wenn ich meine muttersprache liebe ,englisch ist leichter und praktischer,also lassen wir deutsch fuer die dichter und denker wenn es die heutzutage noch gibt.


mikado

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Oregano ist offline
Themenstarter Beiträge: 60.176
Seit: 10.01.04


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