Es war einmal - vor mehr als 60 Jahren

05.06.07 21:17 #1
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Es war einmal - vor mehr als 60 Jahren

Leòn ist offline
Beiträge: 10.065
Seit: 19.03.06
Hallo Uta,

was für eine Geschichte... .
Nein, es sollte hier nicht um das Familienstellen gehen, dazu gibt es ja auch schon einige Threads. Dennoch finde ich den Hinweis wertvoll, dass dies eine Möglichkeit sein kann, "ererbte" Traumata zu bearbeiten.

Die von Dir und Holon genannten Schicksale bieten da ja eine Menge Greifbares.

Was meinen Vater betrifft kenne ich eine Menge "netter Geschichten". Es bleiben mir allerdings viele Fragen, die ich kaum beantwortet bekommen kann.


Herzliche Grüße von
Leòn

Es war einmal - vor mehr als 60 Jahren

Holon ist offline
Beiträge: 241
Seit: 04.04.07
hi leon,
ein weiterer aspekt zum thema:
das mit den ererbten traumatas braucht man evtl. garnicht in "" stellen.
es gibt neuerdings hinweise das das erbgut von traumatisierten verändert sein kann. mit, wie es scheint, ganz spezifischen folgen.
das es so ist scheint sicher, was es genau im einzelnen bedeutet ist noch nicht völlig klar.

gruß
andreas

Es war einmal - vor mehr als 60 Jahren

Leòn ist offline
Beiträge: 10.065
Seit: 19.03.06
Hallo holon,

das mag ich nicht beurteilen, ich meinte jetzt ein (unbewusst) sozial ererbtes Gut.

Herzliche Grüße von
Leòn

Es war einmal - vor mehr als 60 Jahren

Holon ist offline
Beiträge: 241
Seit: 04.04.07
hi leon,

ja weiß wie es gemeint war und ich stimme dem nachdrücklich zu.

ich habs nur zum aufhänger genommen diese, wie ich finde, interessante info weiter zu geben.
es könnte ja im endeffekt zu einer erweiterung im darwinschen ansatz führen.
schaun wir mal.

lieber gruß
andreas

Es war einmal - vor mehr als 60 Jahren

Oregano ist offline
Themenstarter Beiträge: 60.176
Seit: 10.01.04
Bis jetzt haben nur "ältere SEmester" geschrieben.
Mich würde interessieren, ob es auch Mitglieder aus der Enkel- oder sogar Urenkel-Generation gibt, die von ihren Omas/Opas aus dem Krieg berichten können.
Hier ging es zwar zunächst um die Erlebnisse von Männern im Krieg. Aber die Frauen hatten ja genauso - wenn auch auf andere Weise - ihren "Mann" zu stehen: zunächst, weil die Männer im Krieg waren, dann evtl. bei der Flucht, bei der Besatzung, beim "Hamstern", weil es nichts zu essen gab....

Gruss,
Uta

Es war einmal - vor mehr als 60 Jahren

Leòn ist offline
Beiträge: 10.065
Seit: 19.03.06
Hallo Uta,

also jünger bin ich nicht geworden , aber zur Betroffenheit von Frauen im Krieg kann ich etwas sagen.
Von zweien meiner Tanten und meiner Schwiegermutter weiß ich, dass sie in Munitionsfabriken eingesetzt waren und Granaten bzw. Patronen hergestellt haben. Eine meiner Tanten berichtete von der hohen Explosionsgefahr in ihrer Fabrik und häufigen Selbstentzündungen des Pulvers ... sie ist da in ständiger Angst gewesen... .

Leòn

Es war einmal - vor mehr als 60 Jahren

Oregano ist offline
Themenstarter Beiträge: 60.176
Seit: 10.01.04
Hier wird beschrieben, wie es in der Zeit nach dem letzten Weltkrieg in Deutschland zuging:
Ausstellung_"Kinder nach dem Krieg" (Teil 8)


Uta

Es war einmal - vor mehr als 60 Jahren

kaba ist offline
Beiträge: 234
Seit: 16.08.06
Hallo

Ich habe von meinen Eltern so einiges erzählt bekommen - und sie erzählen immer noch.... beide Elternteile (wie auch ich)wurden in Berlin geboren.
Als der Krieg zu Ende war, da waren meine Eltern 13 Jahre alt.

Als ich als Kind einmal zu meiner Mutter sagte:"Ich habe noch nie einen toten Menschen gesehen" , da lächelte meine Mutter ganz seltsam u. sagte:"Mein Mädchen, ich bin schon über Leichen gelaufen".
Mein Vater erzählt aus dieser Zeit eher wie ein "Abenteurer". Wie man in Horden in den Parks Bäume gestohlen hat, sie in minutenschnelle zerlegt u. abtransportiert hat.
Dass einige hilflose Menschen in ihren Betten erfroren sind.
Einmal habe ich ein Bild gemalt u. als mein Vater es gesehen hat, da sagte er, das erinnert ihn an einen Zug aus dem lauter Hände herausgestreckt wurden.

Immer wieder betonen meine Eltern, wie selbstständig sie zu sein hatten. Beide erzählen von überforderten Müttern, denen man zu helfen hatte.

Mein Vater redet oft über Ehre und Vertrauen. Da lag ein Stück Brot und er war so ausgehungert, dass er immer wieder um dieses Brotstückchen herumgetiegert ist, aber er ließ es liegen, weil es untragbar gewesen wäre, in der eigenen Familie zu stehlen.
Es wird oft über den erlittenen Hunger geredet.
Aber auch über die Waffen, die die Deutschen in der Angst vor den Russen und Amerikanern überall weggeworfen hatten u. die Jungs, die damit spielten.

Ich könnte hier noch viel erzählen....

Es ist so, dass ich nun meine Kinder genau zum Gegenteil erzogen habe, was Verantwortung angeht. Das können meine Eltern überhaupt nicht verstehen.
Auch mir wurde im Alter von 16 Jahren mehr zugemutet, als ich in der Lage war, zu tragen. Das hat zu vielen Konflikten geführt.
Als Großeltern können es meine Eltern noch viel weniger verstehen, dass meine Jungs noch so unselbstständig sind - mit 16 u. 17.

Im Rahmen meiner Arbeitsstelle ist mir vor 6 Jahren eine Frau begegnet - zu ihr habe ich heute noch Kontakt.
Sie stammt aus Afghanistan u. als sie noch ein Kind war, da wurde im Krieg gegen die Russen der Vater erschossen. Als viele Familien aus der Region flüchteten, da hatte ihre Mutter nicht genug Geld um mit ihr und ihrem Bruder zu flüchten. Das Haus wurde von einer Granate getroffen und dabei starb ihre Mutter und ihr Bruder. Sie selber wachte im Hospital auf und hatte beide Beine verloren.
Später brachte man sie nach Deutschland und wurde von einem sehr viel älteren Mann geheiratet, misshandelt u.s.w.
Heute lebt sie sehr zurückgezogen mit ihrer kleinen Tochter in einer sehr hübschen Wohnung.
Ihr könnt Euch nicht vorstellen, wie seltsam weh ihr Gesicht leuchtet, wenn sie von ihren verlorenen Beinen redet, die wunderschön gewesen sind...
Sie trägt ihr Schicksal mit Gottes Hilfe.
Die kleine Tochter geht nun in die erste Klasse und oft denke ich so bei mir: Wie ernst das kleine Mädchen schon ist, wie verantwortungsvoll und weitsichtig. Es ist traurig. Sie wirkt schon sehr erwachsen...

Krieg zerstört nicht nur die Häuser, sondern auch die Grundfesten.

Wann werden die Menschen nur begreifen, was sie anrichten?

Kaba

Es war einmal - vor mehr als 60 Jahren

gerold ist offline
Beiträge: 4.636
Seit: 24.10.05
Zitat von kaba Beitrag anzeigen
Hallo

Ich habe von meinen Eltern so einiges erzählt bekommen - und sie erzählen immer noch.... beide Elternteile (wie auch ich)wurden in Berlin geboren.
Als der Krieg zu Ende war, da waren meine Eltern 13 Jahre alt ...

Krieg zerstört nicht nur die Häuser, sondern auch die Grundfesten.

Wann werden die Menschen nur begreifen, was sie anrichten?

Kaba
Nach meiner Überzeugung nie, da hier die überwältigende Mehrheit der Menschen von Generation zu Generation die Überzeugung weitergibt, der Mensch hätte alles in der Hand, er müßte sich nur anstrengen und sich durchsetzen: hier früher im Krieg, später im "Wirtschaftswunder", heute im Bemühen, der offenbar unaufhaltsam auf uns zukommenden Klimakatastrophe unter Einsatz aller Mittel Einhalt zu gebieten.

Nur wenige wissen darum, daß der Mensch mit seinen Kräften und Möglichkeiten grundsätzlich begrenzt und endlich ist, daß er nur im Augenblick zu handeln vermag und weder an der Vergangenheit noch Zukunft etwas ändern kann. Vielmehr hat er die Verantwortung, mit allem, was ihm in die Hand gegeben ist, klug umzugehen und bei sich ändernden Situationen und Lebensbedingungen rasch und entschlossen zu handeln.

Auch ich habe den Zweiten Weltkrieg überlebt: den Bombenangriff auf Dresden, das Konzentrationslager der Tschechen und die Vertreibung aus der Heimat. Ich weiß, wie verbranntes Menschenfleisch riecht, wie es ist, wenn man außer den Kleidern, die man gerade am Leibe trägt, nichts mitnehmen darf, sondern froh sein kann, wenn man nicht totgeschlagen wird. Ich mußte dabeisein, wie die Tschechen in dem Konzentrationslager einen Deutschen totgeschlagen und anschließend den Leichnam in die Jauchegrube des Gemeinschaftsklos geworfen haben.

Dennoch trage ich niemandem etwas nach und verzeihe allen, die mir in meinem Leben Böses angetan habe, und damit komme ich zu Kabas Schlußfrage: Wenn die Menschen wüßten, was sie sich selbst antun, indem sie die Häuser anderer Menschen vernichten, Mitmenschen umbringen, verstümmeln, vertreiben, berauben, ihnen ihre Lebensgrundlage entziehen, würden sie dies im eigenen Interesse unterlassen.

Als ich im Jahre 2000 zusammen mit meiner Frau meine Heimatstadt im heutigen Tschechien besuchte, um auf den Spuren meiner frühen Kindheit zu wandeln, waren wir auch auf den Friedhof. Dort wird das Grab meines Urgroßvaters heute noch von der Stadt gepflegt, nachdem dieser zur Zeit der k. u. k. Monarchie dort jahrelang ehrenamtlicher Bürgermeister gewesen ist und anerkanntermaßen viel für die Stadt getan hat. Als meine Frau und ich am Familiengrab gestanden sind, hörten wir gerade die Sprachfetzen einer Ansprache, die vor der Beisetzung eines keiner kirchlichen Gemeinschaft angehörenden Verstorbenen gehalten worden ist; es war trostlos.

Als ich bei strahlendem Sonnenschein vor der Rückfahrt von einer nahegelegenen Anhöhe nochmals einen Blick auf meine Heimatstadt werfen durfte, ist auch mir klargeworden: Hier ist wohl meine Heimat, aber nicht mehr mein Zuhause. Was haben heute die Leute davon, daß ihre Vorfahren uns damals ausgeplündert und davongejagt haben? - Nichts!

Deshalb gilt es, beizeiten gelassen zu werden.

Es war einmal - vor mehr als 60 Jahren

Oregano ist offline
Themenstarter Beiträge: 60.176
Seit: 10.01.04
Ich habe nie flüchten müssen und meine Eltern oder Großeltern auch nicht. Ich glaube, so eine Flucht gehört zu den Erlebnissen, die man nie nachvollziehen kann, so realistisch die Erzählungen darüber auch sein mögen.
Deshalb meine große Achtung, wenn es gelingt, Haß und Wut zu bewältigen, die sicher mit einer Flucht auf jeden Fall zunächst verbunden sind.

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Von Romitten bis Lübeck.

Die Flucht aus Romitten im Kreis Pr. Eylau in Ostpreußen vom 26. 1. 1945 bis 29. 3. 1945
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Die ganze Flucht ging über ca. 1000 km vom 26. Januar 1945 bis zur Ankunft in Wulfsdorf bei Lübeck in Schleswig - Holstein am 29. März 1945. Kein Mensch kann sich heute diese Strapazen für Mensch und Tier vorstellen, ging doch die Flucht oft nur wenige Kilometer vor der Front her durch fast ganz Deutschland und immer die Russen im Nacken.
http://freenet-homepage.de/helmut.ramm/hopa14b.html

Es waren 2 Monate, eigentlich keine lange Zeit. Wenn man aber liest, wie diese zwei Monaten im Winter bewältigt werden mussten, dann wird es einem ganz anders.

Es gab ja auch den Film "Die Flucht":
DasErste.de - Die Flucht

Gruss,
Uta


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