Die Mutter mußte arbeiten, der Vater war im Krieg geblieben ...

16.05.16 16:05 #1
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Oregano ist offline
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Das Kriegsende des 2. Weltkriegs war im Mai 1945. Viele Männer waren im Krieg gefallen, andere noch in Gefangenschaft, viele kamen nie zurück. Ehen gingen auseinander. Die Hauptleidtragenden waren meiner Meinung nach die Kinder, die in dieser schwierigen Zeit aufgewachsen sind.
Die einen wurden zu Strassenkindern, die vor allem in den Großstädten in den Trummern ihre Abenteuer suchten und dort in die "Schule des Lebens" gingen. Manche wurden zu geschickten Schwarzmarkthändlern, andere erlebten Schlimmes. Manche wurden zu ihren Großeltern geschickt, weil die Mütter arbeiten mußten. Viele Einflüsse, viele Schicksale, die sicher Einfluß auf das spätere Leben hatten.

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Das Leben der vaterlosen Generation unterschied sich in vielen Dingen vom Leben derer, die mit beiden Elternteilen aufwuchsen. Bis ins hohe Alter hat dieser Umstand die Biografien der Betroffenen geprägt und viele leiden noch heute darunter. In einer Gesellschaft, die das heile Vater-Mutter-Kind-Modell propagierte und vom Krieg nichts mehr wissen wollte, war das besonders schwierig. Einige Kinder bezweifelten, dass die Mütter in der Lage sein würden, ihre Kinder alleine richtig zu erziehen. Oft standen die vaterlosen Kinder deshalb unter besonderer Beobachtung von Pädagogen und Politikern - sie wollten "Verwahrlosung" und "Sittenverfall" zuvorkommen.

In Wirklichkeit übernahmen die Kinder ohne Väter früh Verantwortung, halfen ihren Müttern, den schwierigen Nachkriegsalltag materiell und psychisch zu bewältigen. Sie lernten fleißig und strengten sich besonders an, den sozialen Status zu erreichen, den die Familie vor dem Krieg innehatte. Dennoch vermissten sie den Vater und wollten nicht wahrhaben, dass er nicht mehr wiederkommen würde. Jahrelang warteten sie auf dessen Rückkehr - manche können sich bis heute nicht mit dem Verlust abfinden.

Zehnjährige erwirtschafteten den Lebensunterhalt
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Vater blieb im Krieg - Kindheit ohne Vater nach dem Zweiten Weltkrieg

https://www.youtube.com/watch?v=u7LHWtyB6gA
Video "Gunther Emmerlich über seine Kindheit" | Geschichtsdokumentationen | ARD Mediathek
Kinder des Zweiten Weltkrieges (Archiv)
Alleinerzogene Jungen: Papa, wo bist du? - SPIEGEL ONLINE

Die damaligen Kinder sind heute etwa zwischen 70 und 80 Jahren alt. Wenn es stimmt, daß frühe Traumatisierungen sich ein ganzes Leben lang auswirken und oft im Alter erst aus dem Unterbewußtsein nach oben kommen, dann sind das schwierige Zeiten für diese alten Menschen.

Grüsse,
Oregano

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They tried to bury us. They didn't know we were seeds.

AW: Die Mutter mußte arbeiten, der Vater war im Krieg geblieben .

Oregano ist offline
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Das Thema "vaterlose Kinder" - hier "vaterlose Jungen" - ist auch heute noch aktuell. Vor dem Hintergrund der Generation der Kriegskinder ohne Vater vielleicht erst recht (?).

Die hohe Scheidungsrate heute erbringt viele Scheidungkinder. Da auch heute noch viele Scheidungskinder - Jungen und Mädchen - den Müttern zugesprochen werden bzw. bei ihnen leben, fehlt meistens der Vater, was wohl für die Jungen große Folgen mit sich bringen kann.

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Gefahren der Väterentbehrung

Nach Dr. Walcher hat etwa der Hälfte seiner Patienten ein "Vater-Defizit" im weiteren Sinne, wobei dieses die psychische Erkrankung oft mit verursacht habe. Trennungs- bzw. Scheidungskinder stünden auch als Erwachsene in einem fortwährenden Loyalitätskonflikt. Typisch sei der junge Mann, der an seine allein erziehende Mutter in einer Art Hass-Liebe eng gebunden bliebe, gleichzeitig jedoch lebenslang in der realen oder intrapsychischen Welt nach dem vermissten leiblichen Vater suchen würde. In diesem Zusammenhang verweist Dr. Walcher auf Adoptivkinder, die, vor allem, wenn die biologischen Eltern nicht bekannt seien, ihre Identität suchen würden und immerzu Beweise für ihre Existenzberechtigung finden müssten.
Laut Prof. Dr. Matthias Franz, dem Stellvertretenden Direktor des Instituts für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Uni Düsseldorf, kommen in Deutschland täglich 500 Trennungskinder hinzu. Bei diesen seien das Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom, Delinquenz, Drogenkonsum, sonstige Verhaltensprobleme, Asthma, Depressionen, Übergewicht (nur Jungen), und frühe Schwangerschaft 2-3x häufiger als bei Kindern aus intakten Familien. Die Risiken für Jungen lägen höher, weil sie motorisch impulsiver seien, sich scheinautonom von der Mutter ablösten und bei ihnen die Identitätsentwicklung komplexer verlaufe. Bei Fehlen des Vaters neigten sie zu maskuliner Überkompensation, häufig sei ihre Sozialisation dann durch Gewalt, Schweigen, Härte und emotionale Isolation gekennzeichnet.
Der Dipl.-Soz. Robert Schlack vom Robert Koch Institut Berlin beruft sich auf die KiGGS-Studie (...) und sagt ebenfalls, Jungen von allein erziehenden Müttern seien vermehrt übergewichtig. Zudem konsumierten sie mehr Alkohol, rauchten mehr (Mädchen genauso), nähmen mehr Drogen (Mädchen genauso), zeigten mehr Schlafstörungen, psychosomatische Störungen, Depressionen, Ängste, Verhaltensprobleme und seien häufiger Täter oder Opfer von Gewalt.[2]

...Jungen aus geschiedenen Beziehungen weisen "mehr Risikoverhalten, mehr psychosomatische Probleme, mehr psychische Auffälligkeiten und weniger verfügbare Schutzfaktoren auf als Kinder aus Kernfamilien mit beiden leiblichen Eltern. Konkret heißt das: sehr viel häufiger Übergewicht, doppelt so hohe Raucherquoten, dreimal so häufig Schlafstörungen, doppelt so häufig emotionale Probleme, soziale Probleme mit Gleichaltrigen und Hyperaktivitätsprobleme. Jungen, die ohne Vater aufwachsen, haben auch später noch ein erhöhtes Depressionsrisiko; die zweithäufigste Todesursache von Jungen ist der Suizid, weit öfter als von Mädchen."
Der schon oben zitierte Mediziner und Psychiater Matthias Franz schreibt: "Abgesehen von den Problemen, mit denen alleinerziehende Mütter konfrontiert sind, können sie den für Jungen wichtigen Erziehungsbeitrag des Vaters nicht kompensieren. Väter sind unersetzbar bei der Rollenfindung des Jungen. Nur sie können ihm bei der sexuellen Identifikation den Weg weisen - wenn das die Mütter versuchen, bekommen die Jungen Angst."
Dr. Frank Dammasch, Psychoanalytiker für Kinder und Jugendliche sowie Professor an der Uni Frankfurt, führt diesen Gedankengang noch weiter: "Ein liebevoller und schützender Vater bietet dem Jungen einerseits ein wichtiges Identifikationsangebot und begrenzt andererseits durch seine Anwesenheit die narzisstischen Größenfantasien des heranwachsenden Jungen." Es falle vaterlosen Jungen deutlich schwerer, zu akzeptieren, dass ihr eigenes Selbst Grenzen hat, da sie sich nicht mit einer väterlichen Autorität auseinandersetzen könnten. Dies führe dann vor allem zu Konflikten in der Schule, wo die Jungen gerade zu Beginn ihrer Schullaufbahn wieder nur auf weibliche Erzieher treffen. "Viele dieser Jungen bringen die Lehrerinnen mit ihrem großspurigen und aggressiv anmaßenden Verhalten gegen sich auf." Wenn der Vater als "ödipaler Begrenzer“ fehle, fänden ödipale Begrenzungskonflikte dann in der Schule statt (jeder Lehrer kennt die vaterlosen "Chaoten/Rabauken"). Ohne Vater bleibe die männliche Identität brüchig, insbesondere gelänge die Affektregulation nur unzureichend und dem "Über-Ich" fehle der Halt. Ohne Vater zeigten Jungen oft selbstschädigende Passivität bezüglich Leistungsanforderungen und neigten zu exzessivem TV-, PC- und Internet-Konsum (hier würden sie virtuelle Selbstwirksamkeit mit scheinbar grenzenloser Befriedigung erleben).
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Vaterlosigkeit – WikiMANNia

Grüsse,
Oregano
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Geändert von Oregano (19.05.16 um 18:44 Uhr)

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