Umgang mit der Vergangenheit im Alter

21.02.16 18:12 #1
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gerold ist offline
Beiträge: 4.643
Seit: 24.10.05
Die weitaus meisten Menschen haben über Jahrzehnte Strategien entwickelt, alles Unangenehme, was ihnen im Laufe ihres Lebens widerfahren ist, vor allem alles, wo sie schuldig geworden sind, zu verdrängen. Nun fällt es auf, daß diese Verdrängungsmechanismen bei vielen älter gewordenen Menschen nicht mehr funktionieren, all dies nagt an ihnen. Dies zeigt sich z. B. darin, daß ein Mensch immer dann, wenn man ein bestimmtes Thema anschneidet, aggressiv wird und alles, was man hierzu sagt, relativiert. Soweit ich dies bisher zu beobachten vermochte, ist es nur wenigen Menschen im Alter geschenkt, zu ihrer Vergangenheit rückhaltlos ja zu sagen und sich bei anderen zu entschuldigen, was sie ihnen - teilweise in bester Absicht - angetan haben.

Alles Gute!

Gerold
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Jeder muß mit den Konsequenzen leben, die sich aus seinen Entscheidungen ergeben.

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Oregano ist offline
Beiträge: 60.256
Seit: 10.01.04
Hallo Gerold,

das ist ein wichtiges Thema! Wenn es zur inneren Ruhe im Alter beiträgt, wäre es gut, wenn Menschen sich mit ihrem Leben auseinander setzen und dort, wo sie gemachte Fehler sehen, hinzugehen und zu versuchen, sich zu entschuldigen. Allerdings gehören da immer mindestens zwei dazu: einer, der sich entschuldigen möchte und vor allem einer, der versucht, Fehler und Schaden wieder gut zu machen. Und einer, der die Entschuldigung akzeptiert und Fehler vergibt.

Da aber Menschen im Alter nicht unbedingt beweglicher und entwicklungsfreudiger werden - im allgemeinen - dürfte das oft schwierig werden. Werden sie dann noch von außen gedrängt, da etwas zu tun, dürfte das noch schwieriger werden. Ich denke, daß das Arbeiten mit sich selbst früh anfangen sollte, um es auch im Alter zu können.
Hat man schon in jungen Jahren das Gefühl gehabt, "nicht richtig zu sein" oder auch "total richtig zu sein" und es nicht nötig zu haben, sich mit sich selbst auseinander zu setzen, dann wird das im Alter erst recht so bleiben, es sei denn, ganz einschneidende Erlebnisse führen auf einen neuen Weg.

Grüsse,
Oregano
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Umgang mit der Vergangenheit im Alter

gerold ist offline
Themenstarter Beiträge: 4.643
Seit: 24.10.05
Oregano,

dies sehe ich alles ebenso. Vor allem fällt mir auf, wie Frauen, die abgetrieben haben, reagieren, wenn zufällig das Gespräch auf Abtreibung und die sich daraus ergebenden Folgen und Konsequenzen kommt. Bereits mehrfach habe ich es erlebt, daß diese in kaum vorstellbarer Weise plötzlich aggressiv und verletzend werden, daß man schon sehr blind sein muß, den Hintergrund dieses emotionalen Ausbruchs und Ergusses nicht wahrzunehmen.

Alles Gute!

Gerold
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ory ist offline
Weiblich ory
Moderatorin
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Seit: 04.02.09
hallo gerold ,

Unangenehmes verdrängen , mehr noch wenn es eine eigene schuldzuweisung gibt die zu der zeit des geschehens ,warum auch immer , nicht bereinigt werden konnte , sehe ich als ganz normale menschliche reaktion an .

wenn dieses "unangenehme" im alter wieder präsent/zum vorschein geholt wird/kommt ,ist es wohl ein zeichen ,damit abzuschließen ,wie auch immer dies aussehen mag .
.....wenn zufällig das Gespräch auf Abtreibung
eine abtreibung ,ist und bleibt eine entscheidung der betroffene frau .

einen ernsthaften grund wird es dabei ( zum größten teil ) immer gegeben haben .
sich dafür im alter zu "entschuldigen" , hieße ja das sie ihr lebenlang stark darunter gelitten hätte eine falsche entscheidung getroffen zu haben .

…..daß man schon sehr blind sein muß, den Hintergrund dieses emotionalen Ausbruchs und Ergusses nicht wahrzunehmen
ein „alter“ mensch der auf das thema abtreibung angesprochen , aggressiv reagiert ,möchte wohl das „abgeschlossen „ womöglich in sich behalten und das sollte gerade im alter akzeptiert werden .

lg ory
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Ganz gleich, wie beschwerlich das Gestern war, stets kannst du im Heute von Neuem beginnen. (Buddhistische Weisheit)

AW: Umgang mit der Vergangenheit im Alter

Oregano ist offline
Beiträge: 60.256
Seit: 10.01.04
Hallo Gerhold,

ich schließe mich ory in allen Punkten an ...
Und möchte noch hinzufügen: Das Thema "Abtreibung" hat so viele Hintergründe und Aspekte, daß ein Außenstehender sich da raushalten sollte und erst auf das Thema eingehen sollte - meine ich - wenn er darauf angesprochen wird.

Ich kenne übrigens ganz andere Reaktionen beim Thema "Abtreibung": Tränen, Kummer, Reue, Bedauern usw. usw. Allerdings hat sich dieses Thema jeweils eher zufällig ergeben, z.B. im Rahmen einer kinesiologischen Sitzung oder anderer ähnlicher Techniken.
Aggression habe ich dabei noch nicht erlebt.

Grüsse,
Oregano
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Umgang mit der Vergangenheit im Alter

gerold ist offline
Themenstarter Beiträge: 4.643
Seit: 24.10.05
Oregano

Es hat sich anders verhalten: Im Gespräch mit einer Dame über die Entwicklung unserer Gesellschaft kamen wir u. a. auf die demografische Entwicklung und deren unausweichliche Folgen zu sprechen, wobei ich am Rande einfließen ließ, daß hier auch die Freigabe der Abtreibung eine Rolle spielt - und darauf ging sie hoch.

Entsprechendes habe ich erlebt, als ich es einmal gewagt habe, in einer Diskussion einzuwerfen, daß hierzulande einerseits ein Konsens vorhanden ist, daß es ein Verbrechen ist, daß im Dritten Reich sechs Millionen Juden umgebracht worden sind, wovon die wenigsten Reichsdeutschen etwas gewußt haben, andererseits gleichzeitig ein Konsens gegeben ist, daß es rechtmäßig und damit in Ordnung ist, daß hierzulande seit der Freigabe der Abtreibung mehr als zehn Millionen gesunde lebensfähige Kinder im Mutterleib umgebracht worden sind.

Alles Gute!

Gerold
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Oregano ist offline
Beiträge: 60.256
Seit: 10.01.04
Hallo gerold,

ich verstehe die Dame. Es war jahrhundertelang immer der "Fehler" und die "Sünde" der Frau, wenn sie ungewollt schwanger wurde. Sie hatte die Folgen zu tragen, und die waren oft schlimm. Der Mann kam mehr oder minder ungeschoren davon und "büßte" nicht für das ungewollte Kind. Es war die Frau, die versuchte, sich gegen ungewollte Schwangerschaften zu schützen, es war die Frau, die die Abtreibung irgendwie überstehen mußte, und zwar körperlich und seelisch. Und es ist noch nicht lange her, daß die Frauen durch die Pille die Möglichkeit bekamen, sich effektiv zu schützen, allerdings ist die Pille für sich auch wieder ein Thema, das nicht nur positiv im Sinne der Frauen zu sehen ist.

Den Vergleich "Judenvernichtung" im Dritten Reich und Abtreibung, finde ich gelinde gesagt unmöglich.
Ein Jude hatte keinerlei Wahl: stand er auf der Liste zum Abtransport in ein Kz und hatte er nicht die Möglichkeit zu fliehen, war er hilflos dem ganzen Apparat ausgeliefert.

Eine Frau, die abtreibt, hat die Wahl: abtreiben oder nicht oder eben keusch leben. Und die meisten Frauen überlegen es sich meiner Meinung nach sehr gut, ob sie sich eine Abtreibung antun wollen oder nicht.
Keusch leben: das ist noch einmal ein ganz anderes Thema, bei dem ein Vergleich Mann ./. Frau nicht unbedingt zugunsten der Männer ausfallen würde. Aber das schien ja immer in Ordnung, auch wenn es nicht in Ordnung war.

Grüsse,
Oregano
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Geändert von Oregano (22.02.16 um 12:55 Uhr)

Umgang mit der Vergangenheit im Alter

ory ist offline
Weiblich ory
Moderatorin
Beiträge: 7.649
Seit: 04.02.09
danke oregano ,ich hätte es nicht anders schreiben wollen .

lg ory
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alibiorangerl ist offline
Moderatorin
Beiträge: 8.887
Seit: 09.09.08
Wuhu,
und ganz zu schweigen bei Abtreibung nach Vergewaltigung der die Frau zum Opfer fiel...
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💗liche Grüße, Alibi ORANGERL {gerechtfertigtes Apfelsinchen}
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Tarajal ist offline
Beiträge: 4.205
Seit: 12.05.13
Nun ich sehe die Herausforderung, die wir und unsere Eltern und die meisten anderen älteren Menschen mit ihrer Vergangenheit haben, sehr wohl.

Es liegt aber auch sehr oft mit daran, dass wir gar nichts oder zumindest nicht genug wissen von dem, was sie zu ihrer Zeit erlebt haben und welchen gesellschaftlichen Tabus, Regressionen, vorsintflutlichen und dummen Gesetzen, ihrer eigenen Unterdrückung in der Familie, Herzlosigkeit, erlebten Traumatas wie Hunger, Krieg, Vergewaltigung, Zwangsverheiratung oder Heirat aus praktischen und finanziellen Erwägungen der Familie, diese Personen in ihrer Jugend und in unserem Alter gegenüber standen.

Zum Beispiel ist es noch gar nicht so viele Jahre her, dass die Volljährigkeit auf 18 Jahre herunter gesetzt wurde und dass Missbrauch von Minderjährigen überhaupt geahndet und strafrechtlich verfolgt wird.
Vergewaltigung in der Ehe galt lange Jahrzehnte nicht als anklagefähig und die Person, die es dennoch wagte vor Gericht zu ziehen, musste zusätzlich noch schlimmste Beschimpfungen, Hohn, und Schimpf und Schande über sich ergehen lassen.

Bis ich glaube in die 70 er Jahre hinein wurde in der Schweiz eine werdende ledige Mutter in den Knast gesteckt und ihr Kind kam in ein Heim. Viele Zwangsehen sind dadurch auch entanden, die oftmals wieder misshandelte Kinder hervor brachten.
Kinder wurden zum Beispiel auch in Schweizer Bergdörfern den armen Bauern abgekauft und als Sklaven nach Italien verbracht.
In Deutschland war es da auch nicht viel besser.

Meine Mutter wurde 1957 mit meinem Halbbruder schwanger und sie war Single und als Hausmädchen in Stellung. Diese Leute waren noch gut zu ihr, aber mein Bruder kam trotzdem ins Heim bis meine Tante ihn adoptierte.
Ihre Schwester mit einem Wasserkopf nach einem Unfall wurde unter dem Verbrecherregime "euthanisiert", sie mussten aus dem Riesengebirge fliehen und ihre Mutter starb als meine Mutter 17 Jahre alt war.

Meine Schwiegermutter stand mit Säugling auf dem Arm dreimal vor der Wand und sollte im tscheschischen Ort Postelberg erschossen werden, weil dort auch regelrechter "Vergeltungsvölkermord" herrschte.
Sie flohen ebenfalls und mussten hier neu aufbauen während mein Schwiegervater noch im Krieg in Afrika war.

Irgendwie mussten alle diese Menschen mit ihrem Trauma leben und sich halbwegs durch ihr Leben bewegen.
Traumatherapien gab es keine, für niemanden.
Trost und Zuspruch waren eher die Ausnahme und so war ihr einziger Schutzmechanismus die Emotionsblockade und jeder, der versucht diese Mauer von seiner Seite aus einzureissen, wird automatisch und volle Kanne auf splitternde Härte treffen.

Wenn es überhaupt einen Weg gibt sich mit einer Person näher auseinander zu setzen, dann geht der ausschließlich über eine liebevolle, an der Person intensive Vertrauensbildung, so dass Sohn oder Tochter zu einem gleichwertigen Gesprächspartner wird und kein Kind mehr ist und dann erst kann man vielleicht langsam beginnen etwas vom Leben des anderen zu erfahren.

Diese Personen haben sich oft einen Teil seiner Seele emotional und mental völlig abgeschottet und luftdicht zugemauert um überhaupt überleben zu können.

Selbst Soldaten, die mit schweren Traumata aus den Kriegen zurück kamen hatten keine Hilfe gefunden, auch diese Notwendigkeit einer Traumatherapie wurde erst in den 70er Jahren überhaupt in Erwägung gezogen.

Die meisten von uns befinden sich mitten in dem größten Luxus, dass wir nicht um unser tägliches Überleben kämpfen müssen und zu einem Hungerlohn der nicht mal für eine Handvoll Reis härteste Arbeiten verrichten müssen.
Wir können auch dankbar dafür sein, dass wir keinen Krieg und keinen Hunger und keine großen Naturkatastrophen haben, die uns unsere Existenz richtig schwer machen.
Ebenso wissen wir es zu schätzen, dass wir unsere Meinung, auch die politische frei äußern dürfen, Reisen können wohin wir möchten, und es eine soziale Absicherung auch im Alter gibt,
Dass wir Autofahren können und keinen Schleier tragen müssen.
Ob wir studieren wollen oder nicht steht uns alles offen, genauso wie unsere freie Meinung und ob wir einen und wenn ja welchen Beruf wir ausüben wollen.
Wir werden nicht bereits als Säuglinge von unseren Eltern zwangsverheiratet, verkauft oder zur Prostitution gezwungen und sind auch keine Kindersoldaten geworden, die teils sogar ihre eigenen Eltern umbringen mussten.
Wir wurden nicht beschnitten, die Klitoris mit einer rostigen Rasierklinge entfernt und die Scheide bis auf ein winziges Loch durch das man mitunter nur tropfenweise pinkeln kann zugenäht -
natürlich unter schlimmsten seelischen und unhygienischsten Zuständen und ohne jede Betäubung.

Ich finde manchmal muss man sich einfach mal wieder vor Augen halten, welche Möglichkeiten wir heute haben und dass das weiß Gott nicht immer so wahr, sondern ganz anders und ich weiß ehrlich nicht, wie ich damals reagiert hätte wenn ich dieses Leben hätte leben müssen.

Ich bin dankbar für alles.

Manches verstehe ich auch nicht und es tut mir weh, aber es liegt nicht an mir darüber zu urteilen, jeder Mensch hat sich für dieses Leben seine Lernlektionen ausgesucht und wir können versuchen zu verstehen und vielleicht auch zu vermitteln, aber lernen müssen wir alle selber.

Liebe Grüße Tarajal

Geändert von Tarajal (22.02.16 um 14:21 Uhr)


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