Verlust des Mitleids - über Ausgrenzung von Opfern

03.12.11 11:10 #1
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Weiblich dedizione
Darüber würde ich mich hier gerne unterhalten.

Ich glaube, dass Menschen, die ganz unten sind (psychisch, gesellschaftlich, wie auch immer, Menschen, die gesellschaftlich nicht integriert sind, das können auch andere arme Menschen sein, z.B. alte, vereinsamte Menschen, Langzeitarbeitslose, Rentner, Langzeitkranke, u.a.), also Menschen, die "Opfer" sind, von den weitaus meisten Menschen, den Mitgliedern der sogenannten "Gesellschaft", ausgegrenzt werden.

Warum ist das so? Warum grenzt die sogenannte "Gesellschaft" Opfer aus?

Thesen:
Rühren Opfer die Menschen der sog. "Gesellschaft" so sehr an, dass diese Menschen sich abgrenzen müssen, um nicht am Leid des Opfers zu sehr teilhaben zu müssen?
Um nicht die Hilflosigkeit des Opfers fühlen zu müssen, weil sie die Hilflosigkeit des Opfers an ihre eigene, möglicherweise verdrängte, versteckte, Hilflosigkeit erinnert?
Um nicht die Angst fühlen zu müssen, eventuell selber irgendwann mal (durch eine Fügung des Schicksals) Opfer zu werden?

Ich glaube, diese als negativ empfundenen Gefühle (Leid, Hilflosigkeit, Angst), die die Opfer in den Mitgliedern der sog. "normalen Gesellschaft" auslösen, machen die Mitgliedern der sog. "normalen Gesellschaft" aggressiv. Sie wollen das nicht sehen, nicht fühlen, nichts davon hören, von Leid, Hilflosigkeit. Es erinnert sie zu sehr an ihre eigenen verdrängten Gefühle von Leid, Hilflosigkeit, und das macht ihnen Angst. Denn diese Gefühle sind tief in ihnen drin - oft verschüttet, begraben.

Aus Angst vor dem anderen bzw. dem, was der andere dann in ihnen auslöst, wird dann Wut/Aggression.

Reaktionen dieser Menschen sind dann oft:
Opfer verbal und anders (zb. durch gezieltes Mobbing) fertigmachen mit dem Ziel: Opfer ausgrenzen - mit "sowas" will man nichts zu tun haben.

Dann ist doch lieber der andere das Opfer, und das soll auch so bleiben, denken die Menschen der sog. "Gesellschaft", lieber der als ich, also trete ich noch mal kräftig drauf, wenn der Obdachlose allzu "aggressiv" bettelt, oder die drogenabhängige Hure zu nahe am "trauten eigenen Heim" um "Kunden" wirbt. Und überhaupt könnten die ganzen Obdachlosen mal arbeiten gehen, die hartzvier-Empfänger sowieso, und überhaupt könnten "diese komischen Leute" auch einfach alle sich mal etwas zusammen reißen und sich bemühen und dann würde das schon klappen und sie würden zu "normalen" Bürgern, und nicht mehr so schrecklich auffallen und den Menschen der sog. "Gesellschaft" durch ihr Leid und ihre Hilflosigkeit auf die Nerven gehen. Unverschämt ist sowas, ja. Dem anständigen Bürger durch auch noch offen sichtbares Leid auf die Nerven zu gehen. Wo es der "anständige Bürger" doch verdient hat, mit "sowas" nicht belästigt zu werden...

Warum grenzen Menschen Opfer aus? Wo bleibt das Mitgefühl? Gibt es das überhaupt noch?
Ich weiß, A. Gruen hat darüber ein Buch geschrieben ("Der Verlust des Mitgefühls"), aber das habe ich leider noch nicht gelesen.
Vielleicht kommt ja auch so eine halbwegs anständige Diskussion auf.
Ich möchte gerne ein Gespräch unter freundlichen Menschen. Täter (also die, die Opfer ausgrenzen), mit denen möchte ich hier nicht mehr diskutieren.

v.Grüße, dedizione

Verlust des Mitleids - über Ausgrenzung von Opfern
Weiblich dedizione
Themenstarter
Suche gleichgesinnte Menschen, die einfühlsam sind, die nicht emotional auf mir rumtrampeln, mich nicht ausgrenzen, mich nicht spüren lassen: Du bist Sch***sse, weil ich Opfer bin; ich suche solche Menschen, die Lust haben, sich mit mir über dieses mir wichtige Thema unterhalten wollen.

Immer noch.

Verlust des Mitleids - über Ausgrenzung von Opfern

Oregano ist offline
Beiträge: 63.711
Seit: 10.01.04
Hallo dedizione,

ich möchte gerne verstehen, was Du mit "Opfer" genau meinst?

Gruss,
oregano

Verlust des Mitleids - über Ausgrenzung von Opfern

Sam77 ist offline
Beiträge: 181
Seit: 03.12.11
@ dedizione

Ich finde es ein interessantes Thema, dass du anschneidest. Ich habe Arno Gruen gelesen, "Der Verlust des Mitgefühls" und noch andere. Sehr empfehlenswert! Er beschreibt diesen Mechanismus der Ausgrenzung sehr genau. Im Grunde auch in die Richtung, wie du es selbst in deinem Beitrag schon getan hast.

Häufig sind solche Menschen, die in eine Außenseiterposition geraten diejenigen, die bestimmte Lügen in der Gesellschaft nicht mitmachen können und wollen. Und so sind sie für viele Leute, die vielleicht sich selbst auf die eine oder andere Art verleugnen um vor der Gesellschaft gut dazustehen, ein beständiger Hinweis auf den eigenen Selbstbetrug. Und das will natürlich niemand. Also müssen diejenigen weiter ausgegrenzt und unterdrückt werden, damit die Wahrheit nicht ans Licht kommt.

Ist jetzt alles sehr allgemein formuliert, aber ich denke jeder hat so etwas auf die eine oder andere Art schonmal erlebt.

Verlust des Mitleids - über Ausgrenzung von Opfern

Therakk ist offline
Beiträge: 1.690
Seit: 07.08.10
der Titel heisst "Verlust des Mitleids"
nachher gehts aber um Mitgefühl.

Mitgefühl und Mitleid sind nicht dasselbe. (finde ich) Mitgefühl ist ehrlich, hilfreich - Mitleid zieht runter.....

Liebe Grüsse
Therakk
__________________
Wir leben in der Annahme, dass wir denken, wobei es genauso möglich ist, dass wir gedacht werden

Verlust des Mitleids - über Ausgrenzung von Opfern

Sam77 ist offline
Beiträge: 181
Seit: 03.12.11
Ja, ich würde auch zwischen Mitleid und Mitgefühl trennen.

Mitleid macht einen klein und zieht einen runter, am schlimmsten noch nach dem Motto "och, du armer kerl", und dann wird demjenigen noch die Wange gestreichelt. Diese Art von Mitleid zieht eher noch eine Grenze zwischen den Beteiligten und hebt den Bemitleidenden über den Bemitleidigten.

Mitgefühl sehe ich auch positiver, als ein wohlwollendes Mitschwingen mit der Situation des anderen, es ist viel offener und hebt nicht den einen über den anderen.

Ich bin in meinem vorigen Posting trotz des Wortes "Mitleid" im Thema gleich auf Mitgefühl eingegangen, da ich den Eindruck hatte, das ist das, worum es dedizione geht.

Verlust des Mitleids - über Ausgrenzung von Opfern

komplementaer ist offline
Gesperrt
Beiträge: 22
Seit: 13.11.11
Gruen sagt ja auch, die Schizophrenen sind die wahren "normalen" und die "normalen", angepassten, sind die in Wirklichkeit kranken.

Arno Gruen - Gespräch (2006) :

Verlust des Mitleids - über Ausgrenzung von Opfern
Weiblich dedizione
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"Man kann nicht allen helfen",
sagt der Engherzige -
und hilft keinem.
(Marie Ebner-Eschenbach)

Natürlich kann man zwischen Mitleid und Mitgefühl trennen. Nur: Warum sollte man das tun?
Ist nicht gerade diese künstliche Trennung der Fehler im Konstrukt, im Mensch-Sein? Wer mitfühlt, leidet auch mit! Das ist Menschlichkeit.

Wer mitfühlt, und nicht mitleidet, der fühlt nicht mit.

Die Menschen, die das trennen, Mitgefühl und Mitleid, das sind die Kaltherzigen, die wollen nicht mitleiden, warum auch, das Leid der anderen, so meinen sie, gehe sie nichts an. Das ist eine gute Definition für Kaltherzigkeit. -

Natürlich hebt Mitleid die Grenze zwischen den Beteiligten auf. Aber genau das ist ja das wohltuende daran, es wird keine künstliche Grenze hergestellt, eine Grenze, die wohlkalkuliertes Mitgefühl bestehen lässt. Dieses "die Grenze aufheben" ist genau das, was einen Menschen mit einem anderen Menschen zeitlich mitschwingen lässt - und das ist das, was dem Opfer so gut tut! Zu fühlen: Da leidet einer mit mir, da fühlt einer mit mir, da fühlt ein Mensch, so, wie ich es tue (und sei es auch nur für einen zeitlich begrenzten Moment), das ist das, was Opfern Kraft gibt. Vor allen Dingen: es besteht keine Abwertung des Leidenden. Denn der Leidende fühlt mit traumwandlerischer Sicherheit, ob ein Mensch Mitgefühl nur spielt oder ob das ihm entgegen gebrachte Mitgefühl echt ist, ob dieser Mensch mit ihm mitleidet.

Mitleiden schafft mitnichten eine Grenze, im Gegenteil, es hebt sie auf. -

Künstliches Mitgefühl dagegen (wie man es gerade in dieser Zeit allzu oft sieht) ist geheuchelt. Da gibts kein Einschwingen auf das Opfer, da gibt es nur - höchstens - künstliche "Taten" (zb. Spenden), um das eigene Gewissen zu beruhigen. Man "tut Gutes", weil man sich selbst beruhigen will, also die Motivation ist Egoismus, die Motivation ist nicht Mitleiden mit dem Opfer.

Mitleiden geht viel viel tiefer.
Das will aber keiner. Darum gehts hier in dem thread.

Warum zieht Mitleid runter? (Das schreibt hier jemand.)
These: Weil das Mitleid mit dem Opfer an das eigene Mitleid, das Mitleid in sich selbst, was verdrängt wurde, erinnert? Das ist zumindest Gruens These - ich habe das Buch mittlerweile gelesen.

Man möchte nicht an das eigene Opfersein in sich selbst erinnert werden. Dass man selber als Kind Opfer war, hilflos war, das eigene Leid, den eigenen Schmerz abspalten musste, um zu überleben. Daran möchte man nicht erinnert werden. Denn das ist so schmerzhaft, dass es unerträglich wäre.

Aus solch verdrängten Gefühlen der Hilflosigkeit und der Trauer werden mit der Zeit Aggressionen. Diese Aggressionen werden dann nach aussen gerichtet: der Mensch sucht sich Feindbilder. Da gibt es ja jede Menge Beispiele für. Das dritte Reich ist ja noch nicht so lange her. Die Neigung des Menschen, sich Bösewichte zu suchen, die "alles schuld sind", wird wohl aus diesem Grund unausrottbar bleiben.
Es braucht allerdings kein totalitäres Regime, um dieser Neigung des Menschen, sich Feindbilder zu suchen, an anderen Menschen die eigenen Aggressionen (die aus verdrängten Gefühlen der Hilflosigkeit, der Trauer, der sogenannten Spaltung, wie A. Gruen es nennt) auszuleben.
Das geht heutzutage ganz prima auch anders, zb. über die Gruppe der Ausländer, die Gruppe der Arbeitslosen, die Gruppe der xyz (hier beliebige Gruppe einsetzen), und darüber hinaus eben über jeden Menschen, der irgendwie "anders" ist, eben nicht "normal" ist, nicht angepasst im Sinne der Gesellschaft.

Solche Menschen taugen immer zum Feindbild. Gruen sagt ja, die Normal-Angepassten, das sind die Kranken, denn die angepassten Menschen sind die, die ihr Leid abspalten mussten, um zu überleben. Die nicht-angepassten Menschen dagegen seien die eigentlich normalen, denn diese würden sich weigern, dieses Abspalten des eigenen Leids, mitzumachen.

Zitat: "Ein Mensch ist in unseren Augen normal, wenn er frei von Schmerz und Leiden ist. Indem wir den Schmerz des Kranken losgelöst von der uns umgebenden gesellschaftlichen Pathologie betrachten, können wir sein Leiden als narzisstische Nabelschau abtun und uns zugleich als gesund einstufen. Soweit die Psychiatrie diese Betrachtungsweise unterstützt, macht sie sich zum Handlanger des Unmenschlichen in unserer Gesellschaft und bestraft diejenigen, die ihren Schmerz nicht verdrängen."

Ich glaube, deshalb können Menschen kein Leid bei anderen Menschen ertragen und sich darin einfühlen (was für mich mitleiden bedeutet), und ich glaube fest, dass Menschen bzw. Gruppen von Menschen - da ist dieser Mechanismus noch viel stärker - deshalb leidende Menschen ausgrenzen. Erst recht werden Menschen ausgegrenzt, die ihr Leid offen zur Schau tragen, denn das ist für die "normale" Bevölkerung völlig unerträglich - erinnert es sie doch zu sehr an das eigene, abgespaltene Leid.

Verlust des Mitleids - über Ausgrenzung von Opfern
Weiblich dedizione
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*schubs* .....

Verlust des Mitleids - über Ausgrenzung von Opfern

Kayen ist offline
Beiträge: 5.066
Seit: 14.03.07
Dein Thread heißt ja "Verlust des Mitleids".

Das heißt für mich jetzt, dass Mitleid bzw. Mitgefühl bei Menschen mal eine Rolle gespielt haben, sich diese aber durch evtl. gemachte Erfahrungen vom Opfer abwenden.

Diese von Dir aufgestellte These könnte ein Hauptgrund sein.

Rühren Opfer die Menschen der sog. "Gesellschaft" so sehr an, dass diese Menschen sich abgrenzen müssen, um nicht am Leid des Opfers zu sehr teilhaben zu müssen?
Um nicht die Hilflosigkeit des Opfers fühlen zu müssen, weil sie die Hilflosigkeit des Opfers an ihre eigene, möglicherweise verdrängte, versteckte, Hilflosigkeit erinnert?
Ich möchte hier keine "Gesellschaft" betrachten, sinnvoller ist: den einzelnen Menschen zu betrachten.

Mitleid heisst ja soviel wie mit-leiden. Das kann bei einigen Menschen soweit gehen, dass das Leid der anderen Menschen (Opfer) förmlich auf sie überspringt, diese schlimmstenfalls sogar genau die Symptome spüren, die das Opfer spürt und dieses Leid auf ihr eigenes Päckchen, immer und immer wieder mitschultern.

Bis zu einem gewissen Punkt, in dem man als Mensch erkennt, jetzt kann ich nicht mehr mit-leiden. Ich muss erstmal meine eigenen Päckchen abarbeiten, um auch andere Päckchen schultern zu können bzw. mit-zu-leiden.

Der Mensch wird innerlich gezwungen sein mit-Leid zu verlieren, sich abzugrenzen, bzw. er hat die Wahl, ganz krass, sich zu entscheiden entweder er leidet weiter mit (und stirbt) oder der Mensch wendet sich vom Opfer ab.

Als Opfer habe ich auch Pflichten, und zwar zu fühlen zu sehen und zu unterscheiden, warum sich ein Mensch abwendet und was der Mensch als Opfer sogar dazu beitragen kann, dass es garnicht soweit kommt, dass das mit-Leid des anderen Menschen so groß wird, dass dieser sich abwenden muß.

Nur ein Beispiel.

Alles Liebe!
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Geändert von Kayen (02.01.12 um 14:15 Uhr)


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