Grenzen setzen, ohne zu verletzen

06.03.07 19:46 #1
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Grenzen setzen, ohne zu verletzen

hänsel & gretel ist offline
Beiträge: 125
Seit: 19.11.06
Hallo Anne, ich möchte hier einen halben Satz von Dir, der mich für eine Kernaussage beinhaltet, wiederholen dürfen:

... dass er nun so viel Nähe nachholen wollte, die ihm vorher nicht möglich war auf Grund seiner Besonderheiten.

Ich bin der festen Überzeugung: wer diese Tatsache verstanden hat, sich tief im Inneren bewußt ist, daß ein Kind das Recht auf Besonderheiten hat, daß es ein Individuum IST - kann gar nicht auf die Idee kommen, ihm Böses zu tun.

Könnte es nic ht so sein, daß ein Kind klare Botschaften sendet, und es für Erwachsene dann problematisch wird, wenn sie die Signale nicht richtig (oder nicht rechtzeitig) interpretieren können?

Gruß
Gretel

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Anne ist offline
Beiträge: 4.973
Seit: 05.10.05
Hallo Gretel, natürlich hat jedes Kind ein Recht auf Besonderheiten. Es ist nur bitter, wenn ein Kind sich abwendet (autistische Züge), obwohl es sehr wohl irgendwo in ihm drin ganz viel Nähe brauchen würde.

Natürlich hat er trotzdem ganz viel Zuwendung bekommen. Nur lief sie zeitweilig ins Leere. Es kam mir jedenfalls so vor.

Anne

Hast du eigentlich Kinder?

Grenzen setzen, ohne zu verletzen
Anne B.
Meine ältere Tochter wurde 1988 geboren, da war ich selbst fast noch ein Kind. Sie war hyperaktiv, stürzte viel und verletzte sich ganz oft (Schlüsselbeinbruch, Zahn ausgeschlagen). Wir waren total überfordert und haben sie anfangs auch oft schreien lassen. Ich sagte meinem Mann damals, dass ihr Stoffwechsel vielleicht gestört ist und besorgte mir mühsam Literatur. Ich bestand dann darauf, dass sie erstmal keine Süßwaren mit künstlichen Farbstoffen bekam und auch keine Milchprodukte. Man zeigte mir einen Vogel, nach dem Motto, ich würde meine Tochter quälen. Stattdessen sollte ich mich ändern, sie sei ein lebhaftes Kind, an das ich mich anzupassen hätte. Sie war auf Grund meiner Bemühungen mit 4 Jahren kurzeitig sogar in der Lage an der Kasse nein danke zu sagen, wenn die Kassiererin ihr Gummibärchen anbot und wurde etwas ruhiger und aufnahmefähiger. Da ich jedoch berufstätig war und mein Mann viel Zeit mit ihr bei seiner Mutter verbrachte, bekam sie dort ihr Eis und Süßigkeiten mit dem Zusatz: "Aber nicht Mama sagen!" Meine Autorität wurde aufs Gröbste untergraben, was schlimme Folgen hatte. Von mir gesetzte Grenzen wurden nun überhaupt nicht mehr akzeptiert, egal wie liebevoll sie waren. Mama war böse, der Sündenbock für alles und blieb es lange Zeit für sie und andere.

Ich hätte vor allem erstmal anderen Grenzen setzen lernen müssen. Liebevoll wäre das allerdings nicht möglich gewesen, worunter meine Tochter wahrscheinlich noch mehr gelitten hätte.

Anne

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Leòn ist offline
Themenstarter Beiträge: 10.064
Seit: 19.03.06
Hallo Flowerpower,

liebevoll oder nicht: die Hauptsache - klar, eindeutig und konsequent! Gerade Erwachsene brauchen das oft - auch ich kenne das von mir selbst und bin meistens dankbar, wenn man eindeutig sagt was los ist. Wenn es noch freundlich passiert: um so besser.

Man hat dir damals übel mitgespielt und auch Deinem Kind. Ich glaube, es ist ganz schwer, sich gegen eine "starke" Familie durchzusetzen. Gerade wenn es um das Wohl des Kindes geht. Gerade da ist das Setzen von Grenzen besonders wichtig und besonders schwer.

Herzliche Grüße von

Leòn

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Leòn ist offline
Themenstarter Beiträge: 10.064
Seit: 19.03.06
Als meine Tochter ein halbes Jahr alt war, wurde eine leichte Verlaufsform von Neurodermitis bei ihr festgestellt. Ich war damals für eine diätische Lebensweise. Das hat zunächst meine Mutter gewaltig hintertrieben (durch die Vergabe von puren Zuckerstücken) und später auch meine Partnerin. Na, schönen Dank!

Leòn

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hänsel & gretel ist offline
Beiträge: 125
Seit: 19.11.06
Grenzen setzen, ...

Eigentlich habe ich nicht die Zeit, hier viel zu schreiben. Die Hausarbeit bleibt liegen, Projekte verzögern sich.
Und ich verfiel in meinen alten Fehler: Selbstüberschätzung.

Es war eine intensive, sehr lehrreiche Zeit hier im Kreise, ich möchte sagen liebenswerter Menschen. Danke an die, die mir ihre Zeit widmeten, die sich für meine Erfahrungen und Ideen interessierten. Nun gehe ich erst mal, mindestens in eine Besinnungsphase,

... ohne zu verletzen.

Allen alles Gute wünscht
Gretel

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Leòn ist offline
Themenstarter Beiträge: 10.064
Seit: 19.03.06
Hallo Anne,

ich danke Dir für Dein ausführliches Posting!

Ich habe aber auch schon erlebt, dass Dreijährige auch dann irgendwann anfangen zu toben, wenn sie eigentlich üblicherweise genug Aufmerksamkeit haben müssten.
Anne, ich fürchte, in dieser Altersspanne (2/3) toben sie halt manchmal, wenn ihnen was "quer" kommt. Das hat angeblich mit der Identitätsfindung zu tun.


In die Kita habe ich ihn aber z.B.lieber mit dem Fahrrad gefahren, weil er früh meist nicht hin, dafür abends dann aber nicht heim wollte und der Frust vorprogrammiert gewesen wäre.
Das war bei uns ähnlich. Morgens war es immer ganz schwer - vor allem, wenn ich Zeitdruck hatte. Mittags, wenn meine Tochter gerne noch spielen wollte, konnte ich mich immer ganz gut auf Kompromisse einlassen: Noch ein Spielgerät, oder: noch drei Mal rutschen!



Inzwischen weiß ich, dass das eine Zeit ist, die man generell irgendwie so recht uns schlecht hinter sich bringen muss.Da kann alles sinnvoll sein:Ablenkung, Bestechung, uva.Reden ist meist fruchtlos.
Jetzt wo Du es erwähnst: Ja, Ablenkung hat oft geholfen, allerdings nicht während eines "akuten Wutanfalles".

Aussichtslos waren Machtkämpfe, bzw. Diskussionen. Eine Situation werde ich nicht vergessen: Meine Tochter wollte nicht ihre Schuhe anziehen. Ich "überhörte" das Nein und gab ihr die "Wahlfreiheit" :"Welchen willst Du zuerst anziehen? Den Rechten oder den Linken?" - Manchmal hat es geklappt!

Es war so ein wunderbares Gefühl für mich, als im Kindesalter von 4,5 Jahren Ermutigungen endlich bei ihm ankamen, als meine Zuwendung nicht mehr ins Leere liefen wie vorher, dass trotz besagter leichter autistischer Auffälligkeiten er endlich irgendwie auf mich zu reagieren begann. Wir wurden wirklich ein gutes "Team" und es wurde ein ständiges Geben und Nehmen und man hatte das Gefühl, dass er nun so viel Nähe nachholen wollte, die ihm vorher nicht möglich war auf Grund seiner Besonderheiten. Das gute Verhältnis ist auch bis jetzt geblieben und es gibt keinerlei Anlass über Züchtigungen irgendeiner Art auch nur ansatzweise nachzudenken. Es ist toll mit so einem "großen" 12 jährigen Kind. Es gibt Regeln, die funktionieren recht gut. Falls es mal nicht klappt, redet man drüber und tauscht sich aus, warum das jetzt nicht ging und wie die Lösung aussehen soll usw.
Ich finde Deine Schilderung sehr schön Anne und ich glaube, es war gut, dass Du ihn immer als Kind und nicht vordergründig als "autistisch" betrachtet hast.

Herzliche Grüße von

Leòn

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Oregano ist offline
Beiträge: 63.712
Seit: 10.01.04
Was mir hier gerade einfällt, ist, daß es ja oft nicht nur ein Elternteil ist, der Grenzen setzt sondern zwei.
Dann wird es teilweise schwieriger, vor allem, wenn z.B. der Vater hauptsächlich nicht zu Hause ist, aber trotzdem mitreden will. So kann es vorkommen, daß der Vater sich etwas ausdenkt, was durchgeführt werden sollte, dies aber nicht selbst machen kann, weil er nicht da ist. Dann soll die Mutter "Vollzugsgehilfe" werden oder andersherum.
Das halte ich für problematisch.
1. Können die Ansichten hier auseinandergehen, so daß der "Vollzugsgehilfe" nicht hinter der Anordnung steht
2. Kann es so passieren, daß der "Vollzugsgehilfe" in einem schlechten Licht
beim Kind dasteht, während der eigentliche Verursacher sich die Hände in falscher Unschuld waschen kann.
3. Entstehen so evtl. Doppelbotschaften, die das Kind und letzten Endes auch die Eltern verwirren. Letzten Endes nimmt das Kind diese Botschaften dann nicht mehr ernst, und die Eltern wundern sich, warum sie nicht ankommen.

Konkret: in meinem Elternhaus war meine Mutter immer das ausführende Organ der Anordnungen meines Vaters. Er war - so sehe ich das heute - einfach zu feige dazu, sich unbeliebt zu machen. Und meine Mutter war zu angepasst, sich dagegen zu wehren.
Sie kam dadurch in die Position, eine harte und nicht gerade geliebte Mutter zu sein, während mein Vater viele Jahre für mich ein sehr liebevoller Mann war. Es hat lange gedauert, bis sich da mein Blickwinkel verschoben hat.

Als dann meine eigenen Kinder da waren, begann dieses Spiel von neuem. Aber ich war ja inzwischen vorgewarnt. Also hieß es: hinterfragen: ist das wirklich auch meine Ansicht? Will ich das so durchführen? Ist es nicht besser, meinem Mann seine Aktion zurückzugeben? Habe ich Angst davor, daß er dann grollt?

Gruss,
Uta

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Leòn ist offline
Themenstarter Beiträge: 10.064
Seit: 19.03.06
Zitat von Uta Beitrag anzeigen
Was mir hier gerade einfällt, ist, daß es ja oft nicht nur ein Elternteil ist, der Grenzen setzt sondern zwei.
Dann wird es teilweise schwieriger, vor allem, wenn z.B. der Vater hauptsächlich nicht zu Hause ist, aber trotzdem mitreden will. So kann es vorkommen, daß der Vater sich etwas ausdenkt, was durchgeführt werden sollte, dies aber nicht selbst machen kann, weil er nicht da ist. Dann soll die Mutter "Vollzugsgehilfe" werden oder andersherum.
Das halte ich für problematisch.
..........

3. Entstehen so evtl. Doppelbotschaften, die das Kind und letzten Endes auch die Eltern verwirren. Letzten Endes nimmt das Kind diese Botschaften dann nicht mehr ernst, und die Eltern wundern sich, warum sie nicht ankommen.

......
Hallo Uta,

meines Erachtens sprichst du da ein sehr, sehr wichtiges Thema an. Doppelbotschaften und somit "Doppeltforderungen" können Kinder verwirren. Diese Verwirrung kann so weit gehen, dass sie zur Auslösung schwerster psychischer und emotionaler Störungen führt.

Im normalen Fall lernen Kinder, bei Eltern, die sich hinsichtlich der Erziehung nicht einig sind oder zu unklar, schnell, sie gegeneinander auszuspielen.

Darum kann man Klarheit und Eindeutigkeit in der Erziehung gar nicht oft genug betonen.
Wenn Eltern unterschidlicher Meinung sind und dies offen angesprochen wird, können Kinder m. E. nach ganz gut damit umgehen.
Aber am Besten ist es sicher, wenn Eltern ihre Erzeihungsvorstellungen erst mal in "Teamsitzungen" abstimmen - wo es möglich ist.

Herzliche Grüße von

Leòn

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Oregano ist offline
Beiträge: 63.712
Seit: 10.01.04
Praktische Frage an Phil: wie oft warst Du mit Deinen beiden kleinen Kindern zusammen einkaufen und hast an der Kasse gestanden, wo die verführerischen Süssigkeiten aufgebaut sind?

Innere Harmonie ist ein anstrebenswerter Zustand - da gibt es keine Zweifel. Aber erfordert nicht genau dieser Zustand immer wieder Rückzüge aus dem täglichen STress, der von der Umwelt (Kindern und Frau) nicht unbedingt als Beitrag zur familiären Harmonie verstanden wird? Solange Frau die gleichen Möglichkeiten zum Rückzug hat: wunderbar. Doch ist dies meiner Meinung nach selten gegeben, wenn Kinder da sind, weil die einfach ihr Recht auf ihre Weise (zu Recht) fordern - egal, ob nun gerade ein Rückzug nötig wäre oder nicht.

Gruss,
Uta


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