Kinder zur Selbständigkeit erziehen

10.03.09 18:21 #1

Alles um familiäre, pädagogische Fragen, Eltern-sein, Kindheit und Pubertät
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Leòn ist offline
Beiträge: 10.070
Seit: 19.03.06
Hallo, einen herzlichen Gruß an Alle;

nicht nur, weil es auch Chat - Thema in dieser Woche ist - die Frage, wie schaffe ich es, Kinder zu selbständigen (und zum Beispiel eigenverantwortlichen, Gemeinsinn entwickelnde, menschlich handelnde) Individuen zu erziehen?
ist sicher für viele Eltern eine ganz wesentliche!

Ein Teilaspekt dazu wurde ja bereits hier Kinder brauchen Pflichten besprochen.

Was denkt Ihr, was wichtig ist, um Kinder zur Selbständigkeit zu erziehen?

Herzliche Grüße von
Leòn

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Wer sich auf mein Niveau begibt, kommt darin um! ;)

Kinder zur Selbständigkeit erziehen

Leòn ist offline
Themenstarter Beiträge: 10.070
Seit: 19.03.06
Hallo, einen Gruß an Alle;

ich bin der Meinung, dass zu einer erfolgreichen Selbständigkeitwerdung von Kindern zunächst eine erfolgreich abgeschlossene Eltern-Kind-Bindung gehört. Nach den gängigen Meinungen Bindungstheorie ? Wikipedia wird die Eltern - Kind - Bindung (es kann sich selbstverständlich auch um eine andere, als verlässlich, versorgend und liebevoll kümmernd erlebte Bezugsperson handeln) mit ca. 3 Jahren abgeschlossen und bis ca. zum fünften Lebensjahr hin bestätigt.

Ist diese Bindung nicht abgeschlossen, wird das gegenseitige Loslösen auch nur hoch problematisch verlaufen können.

Herzliche Grüße von
Leòn
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Kinder zur Selbständigkeit erziehen

Anne ist offline
Beiträge: 4.897
Seit: 05.10.05
So hoch angebunden würde ich die Diskussion eigentlich gar nicht unbedingt sehen.

Hier mal ein paar Gedanken von mir.

Mir geht es eigentlich mehr darum, dass offensichtlich durchaus etliche Eltern (meist Mütter) geradezu ihren Kindern im Weg stehen selbstständig zu sein. Manchmal habe ich das Gefühl, sie haben Angst davor, dann keine Aufgabe mehr zu haben.
Natürlich muss man immer überlegen, wozu ein Kind bereits in der Lage ist und wozu nicht. Selbstständigkeit aber unbedingt zu fördern, halte ich für extrem sinnvoll.

Folgende Situation: Das Kind mault, dass das Essen in der Schulspeisung nicht besonders schmeckt. Was wird nun passieren? Wird die Mutter nun alle Aktivitäten darauf ausrichten, nachmittags zum Zeitpunkt X ein dampfendes Essen auf dem Tisch stehen zu haben? Oder ist es nicht sehr viel sinnvoller, gemeinsam mit dem Kind zu überlegen, was es sich selbst kochen könnte, wenn es nach Hause kommt. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass mein Sohn sogar sehr willig selber kocht, vorher sich zum Teil sogar die benötigten Zutaten noch einkauft, die er dazu braucht. Er empfindet das eigentlich durchaus als Freiheit, selber entscheiden zu können, ob er sich nun heute Kartoffeln und Quark kocht oder morgen Nudeln oder umgekehrt. Dass immer was Vernünftiges gemacht wird, ist klar. In der Hälfte der Fälle isst er ohnehin in der Schule, weil es da gerade was gibt was schmeckt. Und wenn vom Wochenende was übrig ist, kann er sich das natürlich auch selber machen. Ich glaube, es würde ihn sogar nerven, wenn er schnurstracks nach Hause kommen müsste zum essen und nicht die Freiheit hätte, erst noch in der Schule in Ruhe seine Hausaufgaben zu machen.

Andere Situation: Zeitweilig ging es mir gesundheitlich gar nicht gut. Ich wollte aber meinem Kind alles ermöglichen, was es an Angeboten hier in der Stadt für ihn gibt, und was interessenmäßig in Frage kommt und nicht riskieren, dass das vielleicht mal nicht geht, weil ich ihn irgendwo nicht hinbringen kann. Ein Auto haben wir ohnehin nicht. Also brachte ich ihm frühzeitig bei, sich zunächst gemeinsam aber dann auch allein mit Bus und Straßenbahn in der Stadt zu bewegen. Inzwischen kennt er schon lange das Liniennetz in und auswendig. Wenn ich ihn jetzt mal frage, ob ich ihn irgendwohin bringen soll zu einem Treffpunkt, lehnt er meist dankend ab, es sei denn, es ist das erste Mal, dass er irgendwo hin muss. Er findet es gut, nicht auf Muttitaxis angewiesen zu sein. Ich kann nur den Kopf schütteln, wie manche Eltern sich mit Fahrdiensten bei den Kindern geradezu aufdrängen, bei Entfernungen, die ebensogut zu Fuß oder mit der Straßenbahn zu machen wären.

Ich glaube, man sollte den Kindern viel mehr zutrauen und sich viel weniger aufdrängen und sie damit unselbständig halten. Wenn mein Sohn jetzt mal sagen würde : "Mutti, kannst du mich vielleicht zu demTreffpunkt xy bringen" würde ich das natürlich machen, wenn ich gerade Zeit habe. Das ist dann aber eher eine Geste, dass wir zusammensein wollen, und nicht dass es sein muss, weil er es nicht allein kann. Und das ist mir sehr viel lieber als das künstliche Unselbständighalten zur Absicherung einer Lebensaufgabe von mancher Mutter.

Das soll keineswegs heißen, dass es uns an Nähe fehlen würde. Eher im Gegenteil. Wenn wir etwas zusammen tun, dann tun wir es freiwillig und mit wirklich großer Freude und das ist uns sehr viel wert. Das Gefühl zu haben, dass er aber auch ohne mich in vielen Dingen zurecht kommt, empfinde ich aber nur als erfreulich. Ich brauche nicht ständig das Gefühl, unbedingt dringend von ihm gebraucht zu werden, weil er anders nicht zurecht kommt.

Wie gesagt finde ich es viel sinnvoller, dem Kind kochen zu lernen als es täglich zu bekochen. Dass man natürlich auch mal selber kocht, wenn es sich gerade ergibt oder um dem Kind mit etwas besonderen eine Freude zu machen, ist da natürlich selbstverständlich.

So, jetzt könnt ihr auf mich als Rabenmutter loswettern

PS. Natürlich ist mir klar, dass im ländlichen Bereich es manchmal nicht ohne Auto geht, ich denke, dass aber trotzdem erkennbar ist, in welche Richtung meine Beispiele gehen sollen.

Geändert von Anne (11.03.09 um 15:55 Uhr)

Kinder zur Selbständigkeit erziehen

Leòn ist offline
Themenstarter Beiträge: 10.070
Seit: 19.03.06
Hallo, Du Rabenmutter ,

nein - Spaß beiseite, Anne. Ich finde, zum Beispiel was Du oben zum Kochen beschrieben hast, total super! Meine Tochter hat auf ähnlichem Wege auch selbständig Kochen gelernt, über mithelfen als Kind, sich auch mal in den Finger schneidend beim Kartoffeln-Schälen, mit ca. sechs/ sieben Jahren (unter Aufsicht natürlich),über das Herstellen einfacher Mahlzeiten, bis dahin dass sie, seit sie ca. 13 ist, gelegentlich ganze Mahlzeiten mit Nachspeise, für drei Personen nach der Schule kocht.

Wichtig ist es, meiner Meinung nach, dass man die "Schritte in die Selbständigkeit" altersgemäß gut anpasst.

Herzliche Grüße von
Leòn
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Kinder zur Selbständigkeit erziehen

Manuela ist offline
Beiträge: 1.509
Seit: 31.03.08
Hallo Leon,

unsere Kinder zu selbständigen Menschen zu erziehen ist, denke ich, gar nicht so schwer. Auf der einen Seite ist es wichtig, wie ihr schon erwähnt habt, dass das Lernen und Ausprobieren altersgerecht geschieht und auf der anderen Seite müssen viele Eltern (beonders oft Mütter) sich von der Perfektion verabschieden, die sie erwarten.

Wenn das Kleinkind gerne beim Wäsche zusammenlegen helfen möchte, dann muss man einfach damit rechnen, dass die Wäsche nicht perfekt gefaltet wird und dass es etwas länger dauert. So ist das mit vielen Aufgaben.

Viele Eltern beschweren sich, dass ihre Kinder Zuhause nicht helfen. Oft liegt es aber daran, dass sie vorher nie etwas machen mussten, durften usw., weil sie es nicht gut genug gemacht haben. Die Lust zu helfen geht dann auch irgendwann verloren, weil man es sowieso nie richtig macht. Ich glaube, wenn man auf diese Dinge achtet, dann hat man schon die "halbe Miete", wie man so schön sagt.

Liebe Grüße Manuela

Kinder zur Selbständigkeit erziehen

Anne ist offline
Beiträge: 4.897
Seit: 05.10.05
Wichtig ist es, meiner Meinung nach, dass man die "Schritte in die Selbständigkeit" altersgemäß gut anpasst.
Ich habe das Gefühl, dass sich das eigentlich von selbst ergibt, wenn man wirklich offen ist, Schritte zu mehr Selbständigkeit zuzulassen bzw. diese zu fördern.
Alles ist ein Geben und Nehmen. Hat das Kind einen neuen Wunsch (und solche entstehen eigentlich von ganz allein), werde ich natürlich fragen, was es zur Erreichung desselbigen bereit ist zu tun. Will es lieber zu Hause selber kochen, muss es sich verstärkt einbringen und auch bereit sein, mal einzukaufen und die Spülmaschine auszuräumen. Will es Auswärtstermine wahr nehmen, muss es überlegen, wie es da hin kommt und man wird gemeinsam überlegen, ob das so geht, wie es überlegt wurde. Solche Gespräche helfen dem Kind, langfristig seine Probleme selber zu lösen.

Neue Wünsche sollten also nicht zwangsläufig bedeuten, dass "Hotel Mama" seinen Service noch mehr erhöhen muss, sondern sollten Anlass sein zu überlegen, dem Kind auch noch mehr Verantwortung zu übertragen.

Zur Frage des Perfektionsanspruches gebe ich Manuela Recht. Das passt aber zusätzlich auch gut zu dem Thread, in dem es um Hilfe der Kinder geht.
Selbständig zu kochen sehe ich aber eigentlich nicht in dem Sinne als Hilfe an. Das Kind entscheidet sich für diesen Weg, weil es den anderen (Schulküche) nicht immer mag. Also unterstütze ich es bei seinem Weg, indem ich mit ihm rede,wie es sich selbständig was Gesundes kochen kann. Und was ich für Vorstellungen habe, wie dann hinterher die Küche mindestens aussehen sollte . In dem letzten Punkt bin ich aber bereit, nicht ganz die Perfektion zu erwarten, die eine Reinigung der Küche durch einen Erwachsenen meist hat.

Geändert von Anne (11.03.09 um 18:49 Uhr)

Kinder zur Selbständigkeit erziehen

Angie ist offline
Beiträge: 3.390
Seit: 18.04.08
Hallo Anne,

sehr interessant, wie ihr das handhabt. Ich habe desöfteren das Problem, daß ich mir unsicher bin, in welchem Maß die Selbständigkeit, so daß es weder zur Überforderung noch zur Unterforderung kommt.
Das Maß bei meiner Tochter zu sehen ist nicht immer einfach.

Wie alt ist denn dein Sohn?

LG

Angie

Kinder zur Selbständigkeit erziehen

Anne ist offline
Beiträge: 4.897
Seit: 05.10.05
Hallo Angie,
inzwischen ist mein Sohn 14.
Wie gesagt entwickelte sich alles irgendwie allein. Mit 5 nervte er mich eines schönen Nachmittags, weil er unbedingt ein Eis vom Bäcker wollte, der ca 100 m weg ist. Ich war aber an dem Tag schon beim Bäcker gewesen und sah keinen Anlass nochmal loszugehen. Wir vereinbarten aber Folgendes. Ich bringe ihm bei, immer bei Bedarf beim Bäcker Brot zu kaufen, dafür darf er sich einmal pro Woche dann auch ein Eis mitbringen. Er fand es toll. Natürlich gab es nun erstmal eine Übungsphase. Welche Gefahren lauern alles auf dem Weg (Einfahrten, wo man aufpassen muss, dass man nicht überfahren wird usw. ) , welchen Spielraum gibts beim Brotkaufen, wenn die eine Sorte mal alle ist und man Alternativen überlegen muss. Wir gingen das Stück Weg ein paar Mal zusammen, später schickte ich ihn allein los und beobachtete ihn heimlich und war beruhigt. Geradezu demonstrativ blieb er an jeder Einfahrt stehen und schaute nach den Autos. Es war eigentlich das erste richtige Loslassen außerhalb des Grundstücks und er fand das total aufregend.

In der zweiten Klasse der Grundschule (mit 8 Jahren) wollte er gern Schwimmen lernen. Das bedeutete, dass er allein von der Schule heim gehen musste, dort selbstständig die Hausaufgaben machen musste, ich etwas früher von der Arbeit heim ging, um ihn dort abzuholen und ins Schwimmbad zu bringen (dazu mussten wir noch Zug fahren). Es klappte wunderbar, weil er motiviert war. Wir probierten die Prozedur durch und stellten fest, dass das Türschloss zu schwer ging und er es nicht aufbekam. Also musste erstmal das Schloss gewechselt werden. Den Schlüssel ließ ich an einem Band im Ranzen von einem Sattler im Ranzen annieten, damit er nicht weg kommt. Ein paar Vorbereitungen brauchte es also, aber dann war das Problem des Heimgehens allein wirklich gelöst. Die eine Straßenüberquerung war auch kein Problem.

Ein paar Monate später wollte er gern unbedingt nach der Schule in ein Gymnasium einmal pro Woche zu einer Biologiearbeitsgemeinschaft für Grundschulkinder gehen. Das war nun schon etwas komplizierter, weil da Straßenbahn gefahren werden musste, dort ein paar belebtere Straßen überquert werden mussten und auch in der Schule es etwas unübersichtlich war. Wir fuhren 2 Mal zusammen dort hin, einmal brachte ich ihn hin, beim zweiten Mal zeigte er mir, wie er es machen würde und ich wusste das das nun funktionieren wird. Es war also total einfach. Jede Woche von der Arbeit so früh weg zu gehen, wäre aber unmöglich gewesen.

Auf ähnliche Weise lösten wir eigentlich immer alle derartigen Fälle. Natürlich kommt es auch auf das Kind an. Ich weiß, dass ich mich auf ihn verlassen kann. Wenn er etwas wirklich will, wird er es auch hinbekommen.
Hat er aber keine Lust zu irgendwas, tut er natürlich auch gern mal so, als kann er es noch nicht Dann hat man es ziemlich schwer, ihn vom Gegenteil zu überzeugen. Die Seite gibts natürlich auch. Um so Wichtiger ist es aber, gewollte Selbständigkeit zu unterstützen.

Geändert von Anne (12.03.09 um 16:58 Uhr)

Kinder zur Selbständigkeit erziehen

Leòn ist offline
Themenstarter Beiträge: 10.070
Seit: 19.03.06
Hallo, einen Gruß an Alle;

ein paar Aspekte zur "Erziehung zur Selbständigkeit" findet man auch hier:

Erziehung zur Selbstständigkeit

Herzliche Grüße von
Leòn
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BinWaage2010 ist offline
Beiträge: 74
Seit: 15.11.10
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Hallo, einen herzlichen Gruß an Alle;

nicht nur, weil es auch Chat - Thema in dieser Woche ist - die Frage, wie schaffe ich es, Kinder zu selbständigen (und zum Beispiel eigenverantwortlichen, Gemeinsinn entwickelnde, menschlich handelnde) Individuen zu erziehen?
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Was denkt Ihr, was wichtig ist, um Kinder zur Selbständigkeit zu erziehen?

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Also, ich musste aus eigener Kindheitserfahrung Kochen lernen, Zimmer aufräumen, Staub saugen, wischen, bügeln lernen.......

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