Diebstahl der Kindheit? - Abitur nach zwölf Jahren

31.01.08 19:23 #1
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Leòn ist offline
Beiträge: 10.064
Seit: 19.03.06
In der Bundesrepublik gibt es inzwischen in vielen Bundesländern das Abitur nach nur zwölf Jahren. In meinem Bundesland heißt dies, dass die Kinder einen deutlich längeren Schultag haben, dass sie sehr viel mehr lernen müssen und dass die Wahrnehmung von Freizeitinteressen während der Woche kaum noch möglich ist, da das Lernpensum komprimiert in zwölf statt dreizehn Jahren bewältigt werden muss.
Als Grund dafür wurde, vor einigen Jahren bereits, die Behauptung angegeben, dass die deutschen AbiturientInnen später als viele ihrer europäischen und vor allem ihrer amerikanischen KollegInnen, im Studium - bzw. auf dem Arbeitsmarkt - ankommen.

Was bedeutet dies für unsere Kinder? - Der "Spiegel" hat unlängst mit einer Überschrift, ein wenig reißerisch alarmiert: "Diebstahl der Kindheit!"

Überstürzt und schlecht vorbereitet haben viele Bundesländer die Schulzeit zum Abitur auf zwölf Jahre verkürzt. Eltern, Lehrer und Schüler müssen die Fehler jetzt ausbaden.
Der Spiegel beschreibt die Geschichte eines Fünfklässlers, der mit viel Elan und Freude im Sommer auf das Gymnasium ging und sich nun als überfordert zeigt. Bildung: Diebstahl der Kindheit - SchulSPIEGEL - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten

Gestern erzählte mir eine etwas ältere Freundin meiner Tochter, die in der zehnten Klasse ist, dass vier von acht Kindern aus ihrer Klasse, die sich für das Abitur in zwölf Jahren angemeldet hatten, die Versetzung in die übernächste Klassenstufe nicht schaffen werden.

Ich sage es hier ganz ehrlich: Ich bin ein Gegner der Reduzierung von Lernzeiten. Kinder und Jugendliche brauchen mehr als reine Stoffvermittlung. Ich bin heute noch überzeugter als vor zwei Jahren, dass es richtig war, meiner Tochter die vollen dreizehn Jahre zu ermöglichen und sie in ihrer Entscheidung dafür zu unterstützen. Ich finde, dass es die Kinder schwer genug haben. Außerdem vermittelt ihnen, eine sinnvoll genutzte Freizeit, sehr viel mehr an sinnvoller und verwertbarer Lernerfahrung, als das eine, auf kognitives Lernen immer mehr abgezielte Schulausbildung, vermitteln kann. So denke ich!

Was meint Ihr? - Und wie sieht es im übrigen Europa aus?

Herzliche Grüße von
Leòn

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Wer sich auf mein Niveau begibt, kommt darin um! ;)

Geändert von Leòn (31.01.08 um 22:27 Uhr)

Diebstahl der Kindheit? - Abitur nach zwölf Jahren

Valentin ist offline
Beiträge: 349
Seit: 11.09.06
Ich stimme dir da voll zu. Es macht für mich wenig Sinn, die Woche so voll zu packen, nur um ein Jahr zu sparen.
Es gibt aber wohl die Möglichkeit auf die Waldorfschule auszuweichen, da hat sich wohl nichts geändert. Obwohl die Wochenstunden dort auch mehr sind als im G9.
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Egal was du tust, tu es bewußt.

Diebstahl der Kindheit? - Abitur nach zwölf Jahren
MisterX
Hallo Leòn

Ich denke 12 Jahre reichen voll und ganz. Hier bei uns war nie was anderes üblich, und z.B. meine Kinder sind damit problemlos zurechtgekommen.
Ich kann mich nicht erinnern, dass sie dadurch übermäßigen Stress hatten ...

Und wenn, wäre es gleich eine gute Voraussetzung für manches - dann echt stressreiche - Studium!
Zudem finde ich es sehr gut, dass so die Kinder früher unabhängig sind.
Es ist doch grauenhaft, wenn Kinder, bis weit ins hohe Alter ,am Tropf der Eltern hängen!

Lieben Gruß

PS: Das dreizehnte Jahr (im Westen) war doch eh nur Schauspielunterricht ...
sagt man bei uns

Diebstahl der Kindheit? - Abitur nach zwölf Jahren

mezzadiva ist offline
in memoriam
Beiträge: 955
Seit: 06.04.06
Der Knackpunkt ist, dass ein Jahr weniger Schule auch ein Jahr weniger Lernstoff bedeuten muss. Solange es unsere Schulbehörden nicht schaffen, die Lehrpläne zu entrümpeln, bedeutet G8 leider für Lehrer wie Schüler nur, das Pensum eben zu pressen, wo's geht. Ich krieg das grade ziemlich hautnah mit in BW. "Feierabend" und "Lernfreies Wochenende" ist für die meisten Schüler mittlerweile ein Fremdwort. Und das kann's wirklich nicht sein.
Gruß
mezzadiva

Diebstahl der Kindheit? - Abitur nach zwölf Jahren

Leòn ist offline
Themenstarter Beiträge: 10.064
Seit: 19.03.06
Hallo Valentin, Ixie und Mezzadiva,

ein Jahr weniger zur Schule zu gehen, bedeutet heute, ein Jahr weniger Zeit zu haben und somit viel weniger am Tag für anderes zu haben. Und eben nicht weniger Lernstoff. Sondern die Kinder müssen in zwölf Jahren das erarbeiten, für das sie früher dreizehn Jahre Zeit hatten. Damit sind allerdings grundlegende Bildungsproblematiken, wie Rechtschreibprobleme etc. ohnehin nicht behandelt!

Ich finde es nicht besonders erquicklich, zuzusehen, wie sich in unserem Land, durch eine immer kürzer werdende Schul- und Ausbildungszeit und durch immer mehr Privatfinanzierung - und durch die daraus entstehende Vorenthaltung von Bildung gegenüber immer größer werdenden Bevölkerungsgruppen - ein Szenario einstellt, das man sonst eher mit "Bananrepubliken" (nichts gegen Bananen!!!) gleichsetzt!

Herzliche Grüße von
Leòn
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Wer sich auf mein Niveau begibt, kommt darin um! ;)

Diebstahl der Kindheit? - Abitur nach zwölf Jahren
MisterX
Das Problem würde ich eher da sehen, dass viel zu viele, und oft die "falschen" Kinder Abitur machen wollen!
Da man dies nicht verbieten kann, muss man eben den Schwierigkeitsgrad erhöhen.

Im Osten wurden die Kinder immer "ausgesucht" - das war m.E. nicht nur falsch und sehr ungerecht, sondern zudem auch ziemlich menschenverachtend.
Insbesondere sind Lehrer ja meist keine geistigen Größen - sondern nur bessere Erzähler.
Wie sollen diese Leute das Potential eines Kindes einschätzen können?

Lieben Gruß

Diebstahl der Kindheit? - Abitur nach zwölf Jahren

Cailly ist offline
Beiträge: 261
Seit: 19.11.06
Moin Zusammen,

was heißt "die falschen Kinder wollen Abitur machen"?

Also ich seh es bei meinem Sohn gerade, der kein Abi hat, er möchte am liebsten Tierpfleger werden (einfacher Ausbildungsberuf) und durfte die Erfahrung machen: Ohne Abi haste keine Chance einen Ausbildungsplatz zu bekommen!

Wundert es da wirklich noch das "alle Eltern" ihre Kinder am liebsten aufs Gymnasium schicken wollen?

Ich persönlich finde unser gesamtes Schulsystem nicht mehr in Ordnung!
Nicht nur das Jahr das zum Abi gestrichen wurde, auch was mit Real- und Haupt- Schulen in den letzten 20 Jahren passiert ist wirkt auf mich sehr Bedenklich!

Ich gehöre übrigens zu den Kindern die zwar leistungs- und intelligenz- Mäßig eine Empfehlung bekamen aber.... tja Abi durfte ich dann trotzdem nicht machen.

Liebe Grüße,
Cailly

Diebstahl der Kindheit? - Abitur nach zwölf Jahren
MisterX
Zitat von Cailly Beitrag anzeigen
Moin Zusammen,

was heißt "die falschen Kinder wollen Abitur machen"?

Also ich seh es bei meinem Sohn gerade, der kein Abi hat, er möchte am liebsten Tierpfleger werden (einfacher Ausbildungsberuf) und durfte die Erfahrung machen: Ohne Abi haste keine Chance einen Ausbildungsplatz zu bekommen!

Wundert es da wirklich noch das "alle Eltern" ihre Kinder am liebsten aufs Gymnasium schicken wollen?
Es wundert natürlich nicht. Aber der Sinn eines Abis ist m.E. verloren gegangen.
Früher hat mal ein Schüler aus der Klasse Abitur gemacht - und der war in der Regel auch wirklich etwas begabter als der Rest.
Wobei dies aber leider doch kein brauchbares Kriterium ist! So sind Leute mit einem guten Gedächtnis in der Regel z.B. absolut keine Erfinder.
Sie schöpfen einfach ständig aus ihrem Speicher ...

Aber mit einem guten Gedächtnis ist es relativ einfach möglich, sehr gute Noten im jetzigen Schulsystem zu erlangen ...

Ein gutes Beispiel ist z.B. Manfred von Ardenne. Manfred von Ardenne - Wikipedia
Dieser Mann wäre ganz sicherlich im deutschen Schulsystem untergegangen - hatte aber das Glück auf anderen Wege weitermachen zu können.
Diese Voraussetzungen haben heute aber nur noch wenige, und so bringt dieses System doch schon lange nix wirklich Neues mehr hervor.
Es verwaltet doch irgendwie nur noch die Substanz aus besseren Zeiten?!

Es kann doch nicht das Ziel sein, möglichst vielen Menschen das Abitur oder ein Studium zu ermöglichen.
Das Ziel muss sein, dass endlich wieder mal was rauskommt ...
Davon profitieren doch dann alle!

Lieben Gruß

Diebstahl der Kindheit? - Abitur nach zwölf Jahren

Leòn ist offline
Themenstarter Beiträge: 10.064
Seit: 19.03.06
Das Abitur nach zwölf Jahren: Wie ist das zu schaffen?

Seit 2001 sind viele Bundesländer dem Beispiel des Saarlands gefolgt und haben die Zeit bis zum
Abitur auf zwölf Jahre verkürzt. Nach vier Jahren Grundschule können Mädchen und Jungen jetzt das
achtjährige Gymnasium – auch G8 genannt – besuchen. Dort wird nicht weniger gelehrt und gelernt
als früher, sondern die Stunden aus dem neunten Schuljahr werden auf die anderen Jahrgangsstufen
verteilt. Je nach Modell werden die Unterrichtsstunden pro Woche von durchschnittlich 30 auf 33 bis
37 erhöht. Um das Pensum zu schaffen, werden Gymnasien Quasi-Ganztagsschulen – aber ohne
eine Rhythmisierung des Unterrichts.
Und jetzt die Konsequenzen:
Die Gesamtunterrichtszeit bis zum Abitur (mindesten 265 Wochenstunden) bleibt gleich, sie wird nur
neu verteilt. Deshalb soll es Einsparungen bei den Lehrerstellen nicht geben. Stattdessen gibt es erste
Anzeichen dafür, dass der Unterrichtsstoff früher vermittelt wird. In den fünften und sechsten Jahrgangsstufen
(in manchen Bundesländern noch eine Probe- oder Orientierungsphase) wird der Leistungsdruck
erhöht und dann ausgesiebt. Wer mithalten kann, darf auf dem Gymnasium bleiben, wer
nicht mithält, muss runter. Die Selektion wird verstärkt und die ohnehin nur minimale Durchlässigkeit
nach oben wird noch weiter abgebaut.
Die Regelzeit bis zum Haupt-, Real- oder Gesamtschulabschluss wird jedoch meistens nicht gekürzt.
Deshalb wird es auch Schüler und Schülerinnen geben, die immer noch dreizehn Jahre für das Abitur
brauchen. Ob dies zu einer Benachteiligung – etwa bei der Vergabe eines Ausbildungsplatzes oder für
die Berechnung des Numerus Clausus – führen wird, ist noch nicht absehbar. Aber solange es ein
„schnelles“ und ein „langsames“ Abitur gibt, werden manche das eine für besser halten als das andere.
Schließlich produziert die Umstellung auf eine verkürzte Schulzeit einen doppelten Abiturjahrgang. Der
letzte Jahrgang mit einer 13-jährigen Schulzeit wird gleichzeitig mit dem ersten „Abi-nach-zwölf“-
Jahrgang seine Studienberechtigung erlangen. Je nach Bundesland werden zwischen 2007 und 2014
bis zu 65.500 (im Jahr 2011) zusätzliche Abiturienten entlassen (siehe Graphik). Die Kultusministerkonferenz
(KMK) geht davon aus, dass zwischen 70 und 80 Prozent der Studienberechtigten tatsächlich
ein Studium anfangen. In diesen Jahren wird es einen Ansturm auf die Hochschulen geben, die
schon jetzt große Probleme mit überfüllten Hörsälen und zu wenig Personal haben.
www.bundeselternrat.de/fileadmin/pdf_dateien/dokumentationen/wissenswertes/abi_zahlen.pdf

Hier findet man eine Stellungnahme des Landeselternbeirates von Baden - Würtemberg:
forum-kritische-paedagogik.de/start/e107_files/downloads/lebzug8.pdf
Herzliche Grüße von
Leòn

Diebstahl der Kindheit? - Abitur nach zwölf Jahren

Leòn ist offline
Themenstarter Beiträge: 10.064
Seit: 19.03.06
Ja, nun ist es auch dem niedersächsischen Kultusminister aufgefallen, dass die SchülerInnen mit dem Abitur nach 12 Jahren, bei Beibehaltung des Lehrstoffes, überfordert sind. Und nun? Die Antwort soll sein, die Stunden wieder zu rezuzieren, die 12 Jahre bleiben aber bestehen. Dafür soll der Lehrstoff dann "entfrachtet" werden.
Das kann ich mir bestens vorstellen, wie solch eine "Entfrachtung" aussehen wird: vermutlich geht das dann auf Kosten der wichtigen musischen und sozialen Fächer. Na Spitze!

Herzliche Grüße von
Leòn


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