Auswirkungen von Armut auf die psychosoziale Entwicklung

10.09.07 11:10 #1
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Leòn ist offline
Beiträge: 10.064
Seit: 19.03.06
Ein leider seit längerer Zeit sehr aktuelles Thema!

Auf der Grundlage unseres heutigen Wissens können wir davon ausgehen, dass Arbeitslosigkeit zu folgenden Erscheinungen auf der Subjektebene führen kann:
- Abnahme des Selbstwertgefühls
- Zunahme sozialer Isolation
- Entwicklung von Schuldgefühlen
- Depression, Fatalismus und Apathie.
deposit.d-nb.de/cgi-bin/dokserv?idn=962820563&dok_var=d1&dok_ext=pdf&filen ame=962820563.pdf

Herzliche Grüße von
Leòn


Geändert von Leòn (13.09.07 um 22:40 Uhr)

Auswirkungen von Armut auf die psychosoziale Entwicklung

Cailly ist offline
Beiträge: 261
Seit: 19.11.06
Moin Leon,
als selbst betroffene die erlebt hat wie Ämter versuchen bestimmte Personengruppen (insbesondere Alleinerziehende) in dieser Situation zu halten versuchen - wage ich die Behauptung das es ein sehr langfristiges politisches Problem ist.
Die Auswirkungen jedoch werden von eben jenen Politikern die es bewußt verursachen geleugnet - ist doch logisch das Jugendliche ohne Zukunftsperspektive sich dorthin wenden wo sie die geringste Chance auf Zukunft für sich sehen - oder?

Ich find die Dissertation sehr gut und hoffe das sie genau dort wo es notwendig ist die nötige Aufmerksamkeit bekommt.

Liebe Grüße,
Cailly

Auswirkungen von Armut auf die psychosoziale Entwicklung
MisterX
Die Auswirkungen von Reichtum auf die psychosoziale Entwicklung eines Menschen halte ich persönlich für viel gefährlicher!

Ich z.B. war arm. Es hat mir nix, aber auch überhaupt nix geschadet!
Ich habe dadurch weder psychische Probleme gehabt , war absolut NICHT sozial isoliert, hatte keine Zeit in Depressionen zu verfallen usw.
Das einzige was ich gemacht habe ist: Nach vorne geschaut! D.h. Wie komme ich aus dieser Situation raus. Und es ging!

Ich bin daher nicht der Meinung, dass die „Arbeitslosigkeit“ an oben genannten Problemen direkt Schuld ist.
Ich glaube eher, dass u.a. die Aufgabe der eigenen Persönlichkeit - wie sie leider auch von dieser Gesellschaft immer mehr gefordert und durchgesetzt wird - Ursache des Übels ist!

Wenn ich einen Tiger dazu zwinge sich wie eine Stuben-Katze zu verhalten, zerstöre ich damit sein Inneres!
Menschen die innerlich zerstört sind reagieren u.U mit:

- Abnahme des Selbstwertgefühls
- Zunahme sozialer Isolation
- Entwicklung von Schuldgefühlen
- Depression, Fatalismus und Apathie.

Lieben Gruß

Auswirkungen von Armut auf die psychosoziale Entwicklung

RRichter ist offline
Beiträge: 1.312
Seit: 18.12.06
hallo misterX

es ist nicht nur eine frage von armut alleine.

erst armut gepaart mit weniger wissen und bildung führen zumeist zu den von Leon oben angeführten erscheinungen.

ich weis, man könnte jetzt argumentieren das die ärmere bevölkerungsschicht auch nicht so leicht zugang zur bildung hat. aber oft ist es auch ein problem, daß in sehr vielen armen familien die armut bereits seit generationen sich wie ein roter faden durch die familiengeschichte zieht.
wenn über längere phasen in einer familie wenig oder kaum geld vorhanden ist, dann nimmt mit der zeit auch automatisch das bildungsniveau ab. auch werden durch eheschließungen in der regel kaum verbesserungen dieses zustands herbeigeführt, eher das gegenteil dürfte der fall sein.

das ein kind das in solch eine familie hineingeboren kaum vorbilder was das interesse an wissen und bildung betrifft dort finden wird, liegt für mich klar auf der hand.

erst die kombination aus nicht vorgelebten interesse an bildung und die gleichzeitige armut sind meiner meinung nach notwendig um solch ein verhalten auszulösen.

das dieses kind wiederum die selben reaktionen bei seinem kind auslösen wird, erscheint mir nicht nur logisch, sondern fast schon zwingend.
es gibt ausnahmen, unbestritten, aber die fallen leider nicht ins gewicht. das problem ist die masse an den familien, auf die diese beiden kriterien zutreffen.

wenn man den teufelskreis durchbrechen will, dann wird das alleine durch bekämpfung der armut kaum gehen. irgendwie muß auch das interesse gewckt werden. der alleinige zugang zu wissen ist zu wenig und wird nicht´s verändern.



grüße
richter

Auswirkungen von Armut auf die psychosoziale Entwicklung

Leòn ist offline
Themenstarter Beiträge: 10.064
Seit: 19.03.06
Hallo Cailly, Ixie und Rudi,

ich sehe das ähnlich wie RRichter.

Das Problem entsteht durch die Häufung der Faktoren: Arbeitslosigkeit, Armut, Bildungsferne (tradierte Verhaltensweisen kommen hinzu, Arbeit und Bildung werden nicht als erstrebenswertes Gut betrachtet).

Hier müsste der Teufelskreis durchbrochen werden. Es gibt so viele durchschnittlich bis hochbegabte Kinder, die aus "Hartz IV" - Familien stammen, die einfach gesellschaftliche Unterstützung bräuchten, um "herauszukommen".

Was Cailly anspricht, finde ich auch noch bemerkenswert und wichtig. Gerade alleinerziehende werden oft in Situationen gebracht, in denen ihnen zunächst die Möglichkeit verwehrt wird, zu arbeiten und später wieder einzusteigen.

Naja, woran es da fehlt, ist ja klar!

Herzliche Grüße von
Leòn

Auswirkungen von Armut auf die psychosoziale Entwicklung

Cailly ist offline
Beiträge: 261
Seit: 19.11.06
Moin Zusammen,

ich denke nicht das "Bildung" bzw. "Wissen" das Problem ist - im gegenteil Menschen mit viel Bildung & Wissen die in diese Armuts-Arbeitslosenschiene rutschen haben eher noch mehr mit vor allem "depressionen" zu kämpfen.
Insbesondere wenn "krankheitsbedingte Arbeitslosigkeit" oder die Verweigerung von "hilfen" wie bei Alleinerziehenden (wo es keine Betreuung für die Kinder gibt) eine Rolle spielen.

Was ich für ebenso wichtig halte ist der tatsächliche "Mangel" an Hilfe für Betroffene Eltern/Mütter -viel gibt es da von Jugendämtern gar nicht.
Eltern die aufgrund von erkrankungen trotz Arbeitlosigkeit (Arbeitslose haben ja genug Zeit ?) sich nicht ausreichend genug (ihrer eigenen Meinung nach) um ihre Kinder kümmern können, wird dann gern empfohlen ihr Kind doch in Heime oder ähnliches zu geben.....so sieht denn die Tatsächliche Hilfe vom Amt aus. Dafür bekommen Drogensüchtige oder Alkoholiker dann die "Familienhelferinen" (die mehrmals die Woche kommen und neben der intensiveren Kinderbetreuung auch noch Haushalt mit organisieren).
Kann einer von Euch den Sinn solcher Methoden erkennen?

Liebe Grüße,
Cailly

Auswirkungen von Armut auf die psychosoziale Entwicklung

RRichter ist offline
Beiträge: 1.312
Seit: 18.12.06
Hallo!

um dieses sehr wichtige Thema nicht allzuschnell wieder in der versenkung verschwinden zu lassen, hier ein paar zeilen um eventuell weitere ansätze zur diskussion zu finden.

Mehr nicht?



Ist das alles was wir uns´ren Kindern geben können?
Das soll das Leben sein das wir ihnen gönnen?
Brutale Spiele, Mäci, Fernsehen oder Drogen.
Was sind wir doch für schlechte Pädagogen.

Oder sind wir gar am Ende auch nur Opfer?
Werkzeuge der großen Sprüchklopfer?
Gemütlich legen wir die Hände in den Schoß,
der Schuß, sehr bald geht er nach hinten los.

So viele kämpfen verzweifelt dagegen an,
wie lange man sich noch dagegen wehren kann?
Am Schluß gibt es wohl dann keinen mehr der lacht,
dann haben wir nicht nur die Kinder um ihre Zukunft gebracht



grüße
richter

Auswirkungen von Armut auf die psychosoziale Entwicklung

Oregano ist offline
Beiträge: 63.685
Seit: 10.01.04
Auch die Süddeutsche Zeitung hat sich mit dem Thema Armut und Kinder befasst:
Chancenlos in Deutschland Geraubte Zukunft - Deutschland - sueddeutsche.de

In manchen armen Familien sehe ich, daß die Eltern sich trotz Arbeitslosigkeit einen Dreck um ihre Kinder kümmern. Sie kochen nicht, sie essen Fast Food, sie tragen zusätzlich zur Verarmung der Kinder auf sämtlichen Ebenen bei. Das finde ich erst recht schlimm, denn das wäre nicht nötig. Hier wäre Hilfe von außen in Form von kostenlosen Ganztagskindergärten und -schulen sehr wertvoll.

Gruss,
Uta

Geändert von Leòn (12.09.07 um 22:13 Uhr) Grund: Nichts geändert, war ein Versehen!

Auswirkungen von Armut auf die psychosoziale Entwicklung

Beat ist offline
Beiträge: 9.174
Seit: 14.01.04
Hallo Zusammen

Eigentlich ist das Forum ja da, um tiêfer liegende ursachen auch anzugehen.
Dh für mich, die Armut auch gepaart mit weniger wissen und bildung haben wieder Ihre Ursachen.

Eine Ursache schrieb Uta:
In manchen armen Familien sehe ich, daß die Eltern sich trotz Arbeitslosigkeit einen Dreck um ihre Kinder kümmern. Sie kochen nicht, sie essen Fast Food, sie tragen zusätzlich zur Verarmung der Kinder auf sämtlichen Ebenen bei.
Das Hier wäre Hilfe von außen in Form von kostenlosen Ganztagskindergärten und -schulen sehr wertvoll. ist als Sofortmassnahme sicherlich gut, geht der Ursaceh also auch nicht auf dem Grund.
Es gibt sicherloch viele Gründe aber der Hauptgrund ist für mich die Kultur.
Beim Einzelnen die kultur der familie oder seines direkten umfeldes und wenn es um das Land oder die region geht dessen kultur.
Kultur ist einerseits das was man glaubt und andereseits wie man (durch Vorfahren) geprägt ist, welches wiederum auf dem Glauben derjenigen abhängig ist.
Beweise: Schaut die Landkerte an um teilt diese in reiche, mittlere und arme länder ein. Mit Ausnahmen könnt Ihr die reichen und die armen nach der dort herrschenden Glauben und der daraus entstandenen Kultur einteilen.
Es gibt keine christlich geprägten armen Länder, wei es vieleicht nebst Kuweit keine islamisch geprägten reichen Länder gibt, trotz des Milliardeneinnahmen durch Öl. Dies wirkt sich indirekt aus, zB ist der Reichtum auch abhängig von der Stellung der Frau, welche wiederum vom Glauben7religion abhängig ist. Sogar innerhalb der christlichen Religionen gibt es unterschiede. Alles kein zufall
__________________
Liebe Grüsse
Beat

Wenn die Seele krank ist, auch am Körper arbeiten, umgekehrt gilt ebenso

Auswirkungen von Armut auf die psychosoziale Entwicklung

Leòn ist offline
Themenstarter Beiträge: 10.064
Seit: 19.03.06
Zitat von Uta Beitrag anzeigen
Auch die Süddeutsche Zeitung hat sich mit dem Thema Armut und Kinder befasst:
Chancenlos in Deutschland Geraubte Zukunft - Deutschland - sueddeutsche.de

In manchen armen Familien sehe ich, daß die Eltern sich trotz Arbeitslosigkeit einen Dreck um ihre Kinder kümmern. Sie kochen nicht, sie essen Fast Food, sie tragen zusätzlich zur Verarmung der Kinder auf sämtlichen Ebenen bei. Das finde ich erst recht schlimm, denn das wäre nicht nötig. Hier wäre Hilfe von außen in Form von kostenlosen Ganztagskindergärten und -schulen sehr wertvoll.

Gruss,
Uta
Hallo Uta, Cailly und Rudi,

ich denke, dass es nicht nur einen Faktor gibt, der zu den Folgen der Armut führt. Es sind dies strukturelle Arbeitslosigkeit, Mangel an bildung, die daraus folgende Perspektivlosigkeit, die (wie durch unterschiedliche Ursachen bedingte) Unfähigkeit, diese Perspektivlosigkeit zu überwinden und ein Mangel an geeigneter gesellschaftlicher Hilfe.
Zu beobachten ist auch eine Zunahme von psychischen Beeinträchtigungen: Persönlichkeitsstörungen, Depressionen, gerade in dem Kreise der Betroffenen. Jedenfalls eine zunehmende Unmöglichkeit von (jungen) Eltern, ihre Kinder psychosozial vernünftig zu versorgen.
Für die Kinder ist es ein Segen, wenn sie einen Wechsel der Blickrichtung ermöglicht bekommen, indem sie zum Beispiel in eine Kindertagesstätte gehen können.
Ansonsten fehlt es an Beschäftigung. Das ist ja nun jedem klar. "Ist das alles was wir uns´ren Kindern geben können?" fragt RRichter. Und was ist mit den Erwachsenen? Seit Jahren wissen wir, dass eine "Vollbeschäftigung" in absehbarer Zeit nicht wieder erreicht werden wird. Wo sind aber die Entwürfe, für all die, die keine Chance auf eine dauerhafte Erwerbstätigkeit auf dem ersten Arbeitsmarkt haben?

Herzliche Grüße von
Leòn


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