Auswirkungen von Armut auf die psychosoziale Entwicklung

10.09.07 11:10 #1
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Auswirkungen von Armut auf die psychosoziale Entwicklung
Anne B.
In manchen armen Familien sehe ich, daß die Eltern sich trotz Arbeitslosigkeit einen Dreck um ihre Kinder kümmern. Sie kochen nicht, sie essen Fast Food, sie tragen zusätzlich zur Verarmung der Kinder auf sämtlichen Ebenen bei.
Und in reichen Familien gibt es Kindermädchen und Internate, die den Eltern das "Sich-Kümmern" abnehmen...

Mich hat die finanzielle Armut meiner Familie während meiner Kindheit sehr geprägt. Wir waren 5 Kinder. Einmal ging mein Vater aus Verzweiflung zu den reichsten Bauern im Dorf, um ein bisschen Geld zu leihen. Er hat nichts bekommen und stürzte daraufhin in eine tiefe Depression. Dabei gehört er, wie meine Mutter auch, zu den ehrlichsten und zuverlässigsten Menschen, die ich kenne. Ab diesem Zeitpunkt zählten wohlhabende Menschen für mich zu den schlechten Menschen dieser Welt...Mein gesamtes Handeln, meine Träume, ja auch die Auswahl meiner Freunde - alles wurde durch diesen Gedanken unbewußt mitbestimmt.

Irgendwann habe ich dieses Denk- und Verhaltensmuster zum Glück erkennen und durchbrechen können.

Auswirkungen von Armut auf die psychosoziale Entwicklung

Anne S. ist offline
Beiträge: 4.242
Seit: 28.03.05
Es ist doch heute eigentlich unumstritten, dass Reiche länger leben.

Allgemeine Zeitung · Reiche leben länger - Institut erforscht Demographie und Wirtschaft

Mir ist in der Grundschulzeit meiner Kinder immer aufgefallen, das bei sozial schwachen Kindern, wie es so schön heißt, im Vorhinein angenommen wurde, dass Sie für eine weiterführende Schule nicht geeignet sind.
Da waren manchmal wirklich richtig bornierte und doofe Lehrer dabei.
In der Regel waren diese Kinder weder dümmer noch unintelligenter.
Sie wurden bloß von zu Hause nicht in allem gefördert.
Welches Kind weiß in diesem Alter wo es darauf ankommt und lässt eben manches schleifen, wenn niemand dahinter steht.
Ein Kind das die Möglichkeit geboten bekommt Klavierunterricht zu nehmen, ist doch nicht schlauer als ein Kind, welches diese Möglichkeit nicht hat. Aber es erscheint gleich schlauer und begabter, als ein Kind, welches kein Klavier spielt.
Aus den sozial höheren Schichten schaffen diese Kinder, wenn oft auch nur mit viel Nachhilfe von zuhause den Sprung auf die weiterführenden Schulen.
Oft zeigt sich dann aber in den höheren Klassen, dass manches eine Fehlentscheidung war.
Ich stelle immer wieder fest, dass Mitschüler von meinen Kindern oft in 3-4 Fächern ständig Nachhilfeunterricht haben und das über Jahre.
Wer kann sich das aber leisten. Natürlich nur die Reichen.
Umsonst sieht es bei der Pisastudie bei uns nicht so mies aus, viel geistiges Potential wird überhaupt nicht beachtet.

Liebe Grüße
Anne S.

Auswirkungen von Armut auf die psychosoziale Entwicklung

Oregano ist offline
Beiträge: 63.685
Seit: 10.01.04
Alles in allem sehe ich das wie Du, Anne.
Trotzdem sollte man daraus nicht schließen, daß alle privilegierten Kinder dumm sind, während alle nicht privilegierten und benachteiligten Kinder blitzgescheit sind.

Gruss,
Uta

Auswirkungen von Armut auf die psychosoziale Entwicklung

RRichter ist offline
Beiträge: 1.312
Seit: 18.12.06
hallo!

es liegt grundsätzlich natürlich überhaupt nicht daran ob ein kind in eine armen oder reiche familie geboren wird.

doch ab dem ersten tag beginnen dann grundlegende unterschiede.

man darf nicht vergessen das kultur, benehmen, erziehung und dergleichen, in unserer gesellschaft automatisch mit bildung und natürlich auch mit intelligenz verbunden wird.
in armen familien wird traditionell auf diese dinge generell nicht so viel wert gelegt.
beginnt nun das plichtschulalter haben diese kinder natürlich sechs jahre intensives "training" hinter sich. derart geprägt wirken dann diese armen geschöpfe auffällig auf ihr umfeld, werden mit "vorsicht" betrachtet, in eine ecke geschoben und das wars dann auch schon. denn nur allzu schnell bemerken sie das sie anders behandelt werden, grenzen sich ihrerseits ebenfalls ab, und werden so zu außenseitern. einmal als außenseiter gebranntmarkt ist es dann fast unmöglich, gleichgültig wie intelligent im grunde genommen die person ist, sich in die "normale" gesellschaft zu integrieren.

diese kinder suchen dann kontakt zu "ihresgleichen" und damit dreht sich alles im selben kreis weiter.

und noch einen wichtigen aspekt darf man nicht außer acht lassen. wenn du arm bist, dich in solchen kreisen bewegst, dann ist bildung, wissen, interesse usw., etwas das wiederum dort mit argwohn betrachtet wird. also selbst wenn ein kind oder jugendlicher aus eigenem antrieb etwas ändern wollte, ist dies mehr als schwierig. denn dann gehört er weder zur einen noch zur anderen seite.

und was gibt es für ein kind schlimmeres als keine freunde zu haben, keiner gruppe anzugehören wo es sich verstanden, akzeptiert und dazugehörig fühlt?
der weg als einfacher arbeiter im besten fall, oder im schlechtesten der ins gefängnis, ist praktisch schon vorgegeben.

also diesen teufelskreis zu durchbrechen gelingt wohl leider nur den wenigsten.
hierfür eine patentlösung zu finden scheint mir aber mindestens genau so schwierig.


grüße
richter

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Beat ist offline
Beiträge: 9.174
Seit: 14.01.04
Hallo

man darf nicht vergessen das kultur, benehmen, erziehung und dergleichen, in unserer gesellschaft automatisch mit bildung und natürlich auch mit intelligenz verbunden wird.Das stimmt schon aber es wird nicht nur verbunden es ist eben oft auch verbunden. Bildung gehört zu unserer christlich abendländischen Kultur, aber auch zur japanischen (Konfuzius), jedoch zu vielen anderen Kulturen nicht! Bildung ist für eine strengen Hindu nicht erstrebenswert, da in seinem Weltbild die welt durch die geistige Welt behersscht wird und der Mensch dagegen nichts machen kann. Ausserdem hat die Welt keinen Gesetze, da durch geistige Welt beherrscht. also macht Bildung keinen Sinn.
__________________
Liebe Grüsse
Beat

Wenn die Seele krank ist, auch am Körper arbeiten, umgekehrt gilt ebenso

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RRichter ist offline
Beiträge: 1.312
Seit: 18.12.06
hallo beat!

das mag schon sein, daß es in indien nicht erstrebenswert ist, gebildet zu sein. es geht aber um die kinder die hierzulande leben. und mir hilft das herzlich wenig wenn mir ein 14 jähriger ein messer in den bauch rammt, nur weil er halt nichts anderes "gelernt" hat. wenn er andere werte in sich tragen würde, dann hätt ich das messer nicht im bauch stecken. so gesehen macht bildung dann doch sinn!



grüße
richter

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Leòn ist offline
Themenstarter Beiträge: 10.064
Seit: 19.03.06
und noch einen wichtigen aspekt darf man nicht außer acht lassen. wenn du arm bist, dich in solchen kreisen bewegst, dann ist bildung, wissen, interesse usw., etwas das wiederum dort mit argwohn betrachtet wird. also selbst wenn ein kind oder jugendlicher aus eigenem antrieb etwas ändern wollte, ist dies mehr als schwierig. denn dann gehört er weder zur einen noch zur anderen seite.
Naja, wir gehen jetzt vom rein bürgerlichen Bildungsbegriff aus. Für afrikanische Ureinanwohner ist (war) Bildung ja etwas anderes: wie jage ich, wie häute ich, wie nähe ich, .... usw. .

Ich finde es hilfreich, den Bildungsbegriff weiter zu fassen: zur Bildung gehören einfachste Kulturtechniken, wie waschen, sich witterungsgemäß bekleiden, regelmäßig essen, regelmäßig zur Schule gehen, Kinder versorgen und erziehen können - und zwar so,, damit sie in der jeweiligen Gesellschaft zurechtkommen. Dann kommt die "gehobene" und "höhere" Bildung, das "Lernen fürs Leben" .
Und gerade was die einfache Bildung betrifft, kann es schon, im Verhältnis von Kultur und Subkultur (wie Rudi es beschreibt) gehörige Unterschiede geben.
Herzliche Grüße von
Leòn
__________________
Wer sich auf mein Niveau begibt, kommt darin um! ;)

Geändert von Leòn (13.09.07 um 23:12 Uhr)

Auswirkungen von Armut auf die psychosoziale Entwicklung

Anne S. ist offline
Beiträge: 4.242
Seit: 28.03.05
Hallo Uta,

Trotzdem sollte man daraus nicht schließen, daß alle privilegierten Kinder dumm sind, während alle nicht privilegierten und benachteiligten Kinder blitzgescheit sind.
Das wollte ich damit auch nicht ausdrücken.
In jeder Schicht gibt es dumme, wie intelligente.
Nur bei privilegierten Kindern wird das vom Elternhaus meist kompensiert und die Möglichkeiten für die weitere Entwicklung sind besser.

Liebe Grüße
Anne S.

Auswirkungen von Armut auf die psychosoziale Entwicklung

Beat ist offline
Beiträge: 9.174
Seit: 14.01.04
Hallo Richter

das mag schon sein, daß es in indien nicht erstrebenswert ist, gebildet zu sein. es geht aber um die kinder die hierzulande leben. und mir hilft das herzlich wenig wenn mir ein 14 jähriger ein messer in den bauch rammt, nur weil er halt nichts anderes "gelernt" hat.
Da hast du natürlich recht. Aber im Sinne des themas "Auswirkungen von Armut auf die psychosoziale Entwicklung" scheint es mir trotzdem wesentlich zu sein.

wenn er andere werte in sich tragen würde, dann hätt ich das messer nicht im bauch stecken. so gesehen macht bildung dann doch sinn!
Meinte es eigentlich umgekehrt. Wenn er andere Werte hätte, welche widerum auf der kultur und somit auf dem Weltbild/Religion beruhen, dann wäre er bzw dessen eltern automatisch an Bildung interessiert. Mehr Bildung hiesse dann weniger Armut und Zusammen mit den guten Werten bessere psychosoziale Entwicklung, bessere Gesselschaft, weniger Gewalt etc.
Aber die (schlechte) Bildung ist also nicht nur Ursache, sondern eben auch ein Symptom und dessen Ursache sollte man mittelfristig angehen. Aber in der gegenwärtigen Gesellschaft bzw deren Entwicklung passiert gerade das Gegenteil und man wird immer weniger die Symptome behandlen können. Deshalb wird es zwingend noch schlimmer werden, ausser man würde sich vermehrt auf die (christlichabendländischen) Werte besinnen. Ich befürchte aber leider, das dies nicht geschehen wird, sondern der Individualismus bis zur Atomisierung und somit auch der Egoismus weiter zunehmen wird.
Erkennbar an immer mehr "das ist privat, geht niemand etwas an", "wenn es für dich stimmt, dann stimmt es", "es gibt nichts Absolutes, ausser der Relativismus", "das ist ja nicht so schlimm, muss man tolerieren", "mein Bauch gehört mir (und damit ist das Leben eines anderen gemeint)", "dafür bin ich gegenüber niemanden verantwortlich", "nicht so schlimm, das machen die Anderen ja auch" etc
__________________
Liebe Grüsse
Beat

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Beat ist offline
Beiträge: 9.174
Seit: 14.01.04
Hallo Anne

Nur bei privilegierten Kindern wird das vom Elternhaus meist kompensiert und die Möglichkeiten für die weitere Entwicklung sind besser. Das stimmt, wenn auch nicht absolut, natürlich.
Das hängt aber grösstenteisl nur indirekt mit den priveligierten Eltern zusammen, sondern mit der Kultur/Weltanschaung. Wenn diese eben "besser" ist, dann sind deren Eltern durch diese Haltung schon privilegiert, bzw wenn diese nicht gut ist, sind dessen Eltern Eben unterprivilegiert.
Damit lässt sich dann auch erklären, wieso es immer wieder Arme gibt, deren Kinder eine gute psychosoziale Entwicklung durchmachten und dann selber priveligiert wurden.
__________________
Liebe Grüsse
Beat

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