Kurzgeschichte aus dem Netz

01.07.07 10:48 #1

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Gerade gefunden: Sci Fi - Kurzgeschichte.

Cosasyoho

Twister (Bettina Winsemann)22.09.2006
"Ich liebe es ja, wenn es nicht so still ist." Arndt Davis stieg vorsichtig aus dem von ihm selbst designten Raumschiff. "Aber man kann es übertreiben."
Nach ihm stieg Donna aus und runzelte die Stirn. Es war ihr erster Besuch auf der Erde, bisher hatte sie nur auf kleinen Planeten der C-Gruppe gelebt und die Reisen waren teuer. Arndt und sie waren seit nunmehr sieben Jahren zusammen beim Reisebüro als Piloten beschäftigt und als man ihnen einen Besuch auf der Erde als Prämie für sieben Jahre unfallfreies Fliegen angeboten hatte, hatte Donna sofort begeistert "Ja" gerufen. Doch der erste Eindruck war enttäuschend. Überall kreischten elektronische Stimmen durcheinander, es zirpte, jaulte und fiepte, so dass sich die Beiden instinktiv die Ohren zuhielten. Doch das kreischende Crescendo ließ sich nicht ausblenden. Umso erschreckender war, dass menschliche Stimmen zu hören waren, ohne dass nur ein Mensch sich blicken ließ.
"Vielleicht hatte der Computer ja doch keine Fehlfunktion."
Arndt runzelte die Stirn. "Auf der ganzen Erde nur noch eine menschliche Lebensform? Unmöglich. Wir haben immerhin dauernd mit der Erde Kontakt gehabt."
Sein Blick fiel auf das Logbuch am Handgelenk, das seltsame, unsinnige Daten anzeigte. "Irgendetwas geht hier vor sich." murmelte er.
"Lass uns doch wenigstens diese Lebensform suchen." Donna war kalt vor Enttäuschung als sie zusammen mit Arndt die leeren Straßen entlang ging. Die Koordinaten hatten sie sich aufgeschrieben, doch die brachten ihnen wenig, denn die Navigationsgeräte gaben seltsame Töne von sich und schienen, genau wie schon das Logbuch, Probleme zu haben. Dabei gehörten sie zu den Geräten, die seit 2095 pausenlos Preise für pannenfreies Arbeiten bekamen.
"Wir sollten besser die Straßenschilder beachten. Sie sind Eichhörnchen."
Donna starrte ihn an. "Eichhörnchen?" Arndt blieb stehen. "Vergiss das." meinte er hastig. "Es kam mir einfach so in den Sinn."
Kaum eine halbe Stunde später standen sie vor einer alten schweren Holztüre. Bis auf die vielen Vögel, die herumstromenden Katzen und Hunde war die Stadt ohne Leben. Gespenstisch. Parkuhren quakten vor sich hin und aus der Gegensprechanlage kam ein Rap, den offenbar ein Tier von sich gab.
Donna klopfte und klingelte, doch niemand antwortete. Schließlich schoben sie die Tür auf, es war nicht abgeschlossen. "Hallo?" Arndt sah sich misstrauisch um und hatte vorsichtshalber eine altmodische Waffe gezogen. "Hallo? Hallooooo!" Seine Stimme hallte in dem Haus wieder, doch niemand antwortete.
"Erster Stock." flüsterte Donna.
Sie gingen die Treppe herauf, riefen wieder. "Ich bin hier."
Die Frau, vielleicht um die vierzig Jahre alt, war ganz in Schwarz gekleidet. Sie sah die beiden Fremden neugierig an, wies in ihre Wohnung. "Bitte..."
Arndt runzelte die Stirn als er hineinging. Es fiel ihm immer schwerer sich zu konzentrieren. Seltsam, er hatte nie Probleme damit gehabt aber hier...? Donna und er setzten sich und bemühten sich, die Frau nicht anzustarren.
"Wie lange sind Sie schon hier?"
Das war nicht die typische Begrüßung, doch Donna entschloss sich, auf die merkwürdige Art der Frau einzugehen und die eigene Neugierde zurückzustellen. War diese Frau wirklich die letzte lebende Menschliche? Was war passiert? Wo waren die Leichen? All das brannte ihr auf den Lippen, doch sie beherrschte sich.
"Etwa zehn Minuten."
"Wie weit ist Ihr Raumschiff?"
"Zehn Minuten von hier. Wir sind gleich hierher gegangen."
"Gut." Die Schwarzgekleidete nickte und verzog einen Moment lang das Gesicht als habe sie Schmerzen. Sie setzte sich ihren beiden Besuchern gegenüber. "Ich werde Ihnen erzählen, was Sie wissen möchten."
"Wir..." begann Arndt, doch die Frau unterbrach ihn schroff. "Ich weiß bereits, was Sie wissen möchten, also lassen Sie mich erzählen. Wer Sie sind und woher Sie kommen, interessiert nicht."
Donna und Arndt sahen sich betroffen an. Eine solche Begrüßung hatten sie nicht erwartet. Sie waren immerhin, wie es schien, die ersten Besucher seit langem und doch schien sich die Frau nicht zu freuen oder nur irgendein Gefühl zu empfinden.
"Ich heiße Cosasyoho." begann die Frau und hob die Brauen als Arndt den Namen irritiert wiederholte.
"Das klingt spanisch." sagte er und wurde erneut rüde unterbrochen.
"Lassen Sie mich erzählen." Sie presste die Lippen kurz zusammen bevor sie fortfuhr: "Cosasyoho ist eine Abkürzung für Content Saving System Of Human Origin. Ich bin ein Prototyp, eine Weiterentwicklung war geplant, doch dazu kam es nicht mehr. Andere als mich gibt es nicht mehr."
Donna starrte sie an, das Gesicht blass, die Augen erschrocken aufgerissen.
"Als alles begann, 2006, war ich eine Wertlose. Der Zusammenbruch der sozialen Systeme war im vollen Gange und es gab zu viele Wertlose, die nicht mehr durch Arbeitskraft der Gesellschaft dienen konnten. Also wurde Arbeit geschaffen, die selbst die Wertlosen verrichten konnten. Ausgewählte Wertlose wurden zu den großen Firmen gebracht um dort an der Entwicklung neuer Medikamente mitzuarbeiten, entweder als Forscher oder als Testpersonen. Ich war eine Testperson. 2006 begannen die Contentkriege. Offiziell begannen sie 2006, doch in Wirklichkeit tobten sie schon lange. Man versuchte, jegliche Inhalte, jegliche Information, zu einer Geldquelle zu machen, doch die Nutzer sperrten sich dagegen, neue Techniken zerstörten die Illusion einer kompletten Überwachung. Die Contentindustrie, besorgt um ihre Geldquellen, begann an der Entwicklung neuer Speichermöglichkeiten. Sie fürchtete sich vor denen, die die Technik missbrauchen, zerstören oder aber umwandeln konnten. Hacker nannten sie sie. Und so überlegte man, Menschen dank Experimentalchirurgie in Speicherelemente umzuwandeln. Es gab über Tausend, über Zehntausend Versuchspersonen, doch viele davon brachten sich um weil sie die neuen Inhalte und deren Menge nicht verkrafteten. Andere starben beim Eingriff. Andere später. Ich blieb über."
Arndts Einwand wurde genauso harsch unterbrochen wie alle seine Versuche, etwas zu sagen. "Ich mache es kurz." sagte Cosasyoho scharf. "Sie sind vor zehn Minuten gekommen, ich spreche seit etwa drei Minuten, das heißt wir haben noch 32 Minuten. Warum, das werden Sie verstehen, wenn Sie mir zuhören. Also hören Sie zu."
Arndt schwieg. Sein Blick wanderte in der Wohnung umher während Cosasyoho erzählte. Dass die Wohnung so fröhlich wirkte, war gespenstisch. Er hatte eine Art Höhle erwartet, abgeschottet, düster, vielleicht chaotisch weil seine Bewohnerin wütend etwas zerstört hatte. Stattdessen säumten pastellfarbene Vorhänge die Fenster, Grünpflanzen flankierten alte polierte Holztische, die Stühle waren mit lachsfarbenen Hussen und Schleifen dekoriert. Alles wirkte fröhlich, einladend - so wie aus einem Wohnmagazin entnommen. Der Kontrast zu seiner Bewohnerin, deren leichenblasse Haut und schwarzes Haar sie wie eine Vampirin wirken ließen, war erschreckend und verstörend.
"Es waren weit mehr Systeme geplant und sie sollten am Ende perfekt sein, wie alles eben perfekt sein soll. Aber noch bevor Cosasyoho perfektioniert werden konnte, kam Rimibu."
Donna wiederholte den Namen leise. Noch immer konnte und wollte sie nicht akzeptieren, dass es die Menschheit nicht mehr gab, dass nur noch eine letzte Frau übrig geblieben war von all den Milliarden.
"Es hatte vorher schon Tausende von Viren gegeben, sowohl "richtige" Viren, die Menschen angriffen, als auch Computerviren. Die meisten hatten Zerstörung im Sinn, doch Rimibu war anders. Bis heute weiß niemand, wer ihn programmierte und warum, aber er war ein Meisterstück. Rimibu war perfekt, denn anders als bekannte Viren griff er nicht nur eine Form eines Computers an, er griff alles an. Nicht nur Computer, Handies, Telefone und Walkmen - Rimibus Gebiet war sämtliche Elektronik, von der Bohrmaschine bis zum Lebenserhaltungssystem im Krankenhaus. Vielleicht war es nur ein Versehen, vielleicht aber wollte er uns zeigen, wie abhängig von der Technik wir waren. Irgendeine Technik nutzte jeder und so wurde Rimibu zum gefährlichsten Virus aller Zeiten. Aber er war auch kreativ. Eine Zeitschrift nannte ihn Rimibu weil es einst ein Buch gegeben hatte, das "Rip, Mix und Burn" hieß. Das war es, was Rimibu tat. Er zerstörte nicht, er schuf Neues aus dem, was er fand." Sie lächelte kurz. "Es war furchtbar aber auch lustig. Im einen Moment hatte man noch die Photos der Freunde und Texte über Politik auf seiner Festplatte, im nächsten Moment waren die Photos der Freunde in den Texten, das Photo des Haustiers war ein Mix aus dem Haustier und einem Politiker, das Urlaubsvideo war mit einer politischen Rede und der Lieblingsmusik unterlegt... Aber das war ja nur das kleinste Problem, denn die Krankenhäuser hatten auf einmal singende Operationslampen, ein Beatmungssystem, das sich zickig verweigerte, Intensivstationen mit Monitoren, die Pornovideos zeigten. Die Anzahl der Toten stieg rasant. Flugzeuge stürzten ab weil die Elektronik dort damit beschäftigt war, die neueste Musik an den Flugzeugträger zu senden, Ölbohrköpfe entschieden zu der Musik von Wagner, einfach dort ein Loch zu bohren, wo sie wollten oder bohrten im Takt von Eminem und Bach gleichzeitig. Es war schlimmer als alles, was wir uns vorgestellt hatten. Zu sehen, wie Tausende von Menschen starben nur weil ein System sagte "ich hör jetzt erstmal meine Musik..."
Durch die festgeschlossenen Fenster sah Donna ein paar Vögel, die sich, scheinbar in der Balz, umkreisten. "Die Tiere..."
"Natürlich starben nicht alle Menschen." fuhr Cosasyoho fort und sah ebenfalls nach draußen. Sie stand auf, ging ans Fenster. "Doch irgendetwas musste man tun. Seuchen breiteten sich aus wegen der vielen Toten und so entschied man, eine noch ungeprüfte nichttödliche Waffe auszuprobieren. Sie sollte einerseits helfen, dass die Toten sich schneller zersetzten, andererseits sollte sie auch eine Art Gegenvirus schaffen, der Rimibu zerstörte."
Sie legte die Finger an die Glasscheibe. "Es klappte nicht. Zwar ging die Verwesung schneller, doch Rimibu griff jetzt auch Menschen an. Was passierte, wenn jemand nicht mehr wusste, wie er essen sollte und stattdessen nur noch mit dem lebenswichtigen Essen zur Musik jonglierte, war klar. Die Sprache veränderte sich, wurde aus einem völlig sinnlosen Mischmasch aus Wörtern, der nur noch ab und zu etwas Verständliches hervorbrachte. Aus irgendeinem Grund war ich immun gegen die Viren und so wurde ich, die Wertlose, zum wertvollsten Besitz aller. Und noch schneller wurde ich zur Einzigen in einer völlig verrückten Welt voller Musik und Sprache, die schlimmer als zur Zeit von Babylon war." Sie zuckte die Schultern. "Man gewöhnt sich dran. Immerhin leben die Tiere jetzt glücklich seit wir Menschen fort sind. Die Pflanzen und die Tiere."
"Wenn children Virus plus Menschen tamtaram." Arndt trommelte eine Melodie auf dem Tisch. "Dann müssten heheyhey." Seine Konzentration ließ mehr und mehr nach, sein Gehirn fasste unsinnige Eindrücke zusammen und entwickelte Neues daraus.
Cosasyoho beobachtete ihn wissend. "Ja, dann müsstet Ihr auch bereits befallen sein. Das seid Ihr. Deshalb müsst Ihr jetzt gehen. Noch ist es nicht so schlimm, dass Ihr nichts mehr wisst und völlig im Delirium seid. Ihr schafft es sicherlich bis zu Eurem Raumschiff. Jetzt geht."
"Du musst pingping." Donna lachte und versuchte sich zu konzentrieren. "Ich meine, Du musst, Sie müssen... lalalala..." Sie begann ein Lied zu singen.
"Ich kann nicht mitkommen." Cosasyoho seufzte. "Ich wurde von meinen 'Schöpfern' mit dieser Wohnung geistig verbunden. Ich weiß nicht, wie es funktioniert, aber als ich versuchte, diese Wohnung zu verlassen, starb ich fast. Und ich möchte noch nicht sterben. Ich muss nicht essen und nicht trinken, aber ich lebe... irgendwie jedenfalls."
"Wir Giraffe es"
"Versuchen? Nein. Bitte geht jetzt." Sie öffnete die Tür. "Irgendwann wird diese Erde sicherlich wieder ein paar Menschen haben. Aber noch nicht jetzt. Und wenn sie da sind, will ich ihnen etwas erzählen können."
"Aber Baum Baum Tier unser Raumschiff"
"Ihr müsst es versuchen. Es ist infiziert seit dem Moment als ihr hier landetet. Aber vielleicht schafft ihr es. Versucht es. Bitte. Es waren schon öfter andere hier, normalerweise hat man 60 Minuten Zeit bis die Infektion kritisch wird. Ihr habt jetzt noch eine Viertelstunde." "Es gibt keine Kaninchen Heidelandschaft plus two second."
"Nein." Cosasyoho verzog das Gesicht. "Es gibt keine Uhr. Aber alle 45 Minuten bekomme ich Schmerzattacken. Das heißt, es sind noch keine 45 Minuten vergangen seit meiner letzten Attacke. Und die hatte ich als ihr hereinkamt. Ich konnte oft genug üben, das zu sagen, was wichtig ist bevor die Zeit um ist."
Donna und Arndt verließen die Wohnung und versuchten sich soweit zu konzentrieren, dass sie zurück zum Raumschiff fanden. Sie rannten mittlerweile. Als sie ins Raumschiff gingen und die Türen sich schlossen, atmete Donna auf. Sie konnten immerhin die Erde lebend verlassen, wenn auch der Rest unklar war. Was würde mit Cosasyoho passieren? Wann würde es wieder Menschen geben? Vieles war im Dunkeln geblieben, doch es gab zur Zeit keine Möglichkeit, mehr zu erfahren.
Donna orderte einen Tomatensaft bei dem Replikator und während Arndt ein Lied summte, gab der Replikator den Tomatensaft aus. Er wurde in einem Bierglas serviert, gekrönt mit einer großen Schicht geschäumter Milch. Kakaopulver formte ein Wort: Rimibu. Und zwei Mandelkekse waren die I-Punkte. Donna lachte und fragte sich, wohin sie das Raumschiff bringen würde.
Cosasyoho sah dem Raumschiff nach. Vielleicht würden die Beiden es wirklich schaffen, vielleicht würden sie anderen davon erzählen können. Von ihr erzählen können. Vielleicht würden sie nicht abstürzen, vielleicht würden sie sich noch verständlich machen können. Vielleicht würde irgendjemand kommen und ein Heilmittel gegen die Viren haben. Aber andererseits - die Erde würde sich erholen und irgendwann selbst neu anfangen. Zunächst würde sie die Zeit ohne Menschen genießen können. Und wenn sie irgendwann wusste, dass jemand ihre Geschichte erzählen könnte ohne etwas zu vergessen, dann würde sie darum bitten, dass man sie deaktivierte.
Draußen begab sich das Raumschiff auf seinen unbekannten Kurs. Aphex und Donna sahen sich an. "Cosasyoho." sagte Aphex und fragte sich, warum ihm das Wort im Kopf herumspukte. Quelle: TP: Cosasyoho
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Ich bin medizinischer und sonstiger Laie, werde von niemandem bezahlt und mache keine bezahlte Werbung. Ich gehöre keiner Organisation, keiner Partei, keinem Verein und keiner Konfession an.

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