Das Forum für Gesundheit
Erfahrungs- und Wissensaustausch von Interessierten und Betroffenen.
Kein Ersatz für professionelle ärztliche Beratung oder Behandlung.
Meine Einstellung zum medizinischen Betrieb ist eine sehr kritische.
Deshalb fiel mir auch gleich ein Buch auf, das sich mit genau diesem Thema, und zwar nicht als Fachbuch, sondern in Form eines utopischen Romans beschäftigt.
In einem neuen Werk von Juli Zeh, mit dem Titel "Corpus Delicti" wird ein gar nicht so weit entfernter Staat entworfen, der Gesundheit als Prinzip staatlicher Legitimation versteht. Es handelt sich um eine Gesundheitsdiktatur. Wie immer spielt die Justiz gerne mit. Das Buch beginnt etwa so:
Vor einem deutschen Amtsgericht wird ein Fall nachlässiger Gesundheitsvorsorge verhandelt. Eine junge Frau hat ihren »Schlafbericht« nicht eingereicht, ihren Blutdruck nicht gemessen und ihre sportliche Leistungskurve absacken lassen. Wegen dieser Pflichtvergessenheit gegenüber sich selbst, die eine Schlamperei gegenüber der Gemeinschaft ist, weil das Selbst als deren kleinste Funktionseinheit ständiger Kontrolle bedarf, wird die Delinquentin zunächst verwarnt.
Da fiel mir natürlich sofort das Buch "Die Nemesis der Medizin" von Ivan Illich ein, der bereits 1976 das erste kritische Fachbuch zu dieser Thematik schrieb. Ein von mir frei formuliertes Zitat daraus:
Die medizinische Hybris, sich für alles zuständig zu erklären, was nach eigener Definition Krankheit sei, ist gegen medizinische Heilmittel resistent. Sie kann nur revidiert werden, wenn die Menschen den Willen zur Selbstbehandlung wieder finden und wenn das Recht auf solche Behandlung legal, politisch und institutionell verankert wird, wodurch dem Berufsmonopol der Ärzte Grenzen gezogen würden.
Politik und Gesundheitsbürokratie sind derzeit hilfloses und williges Knetmaterial in den Händen der Vertreter ihrer eigenen Interessen. Inzwischen kräuselt überall Ärger aus den Nahtstellen. Aber nur die Betroffenen können das System ändern. Wenn sie bemerken, dass Gesundheit keine Ware ist, die Ärzte verkaufen, sondern dass es ihr ureigenstes Interesse ist, sich mit Leben, Gersundheit, Krankheit und Tod auseinanderzusetzen, können Systemänderungen vorgenommen werden.
danke für den super Beitrag - eine herrliche Anregung, wird unverzüglich beschafft und verschlungen.
Danke auch für Deine Erinnerung an Illich. Sehr treffend.
Allein, ich glaub nicht dran, dass sich irgendwas ändern wird. Geld wäre der einzige Hebel.
Derzeit wird er sogar relativ vernünftig eingesetzt. Das derzeitige Geschrei geht, wenn ich das richtig verstanden habe, um folgendes: Ärzte bekommen eine gewisse Summe, Urologen z.B. 24,34 € (an die Summe kann ich mich sogar korrekt erinnern ) , pro Patient und Quartal.
Klingt auf den ersten Blick empörend, wer würde dafür drei Monate arbeiten wollen? , barmen die Lobbyisten öffentlich um Zustimmung.
Auf den zweiten Blick aber: Das schafft für den Arzt das Interesse, dem Patienten tatsächlich zu helfen, so dass er den Rest des Quartals keine weitere Hilfe mehr braucht. Eigentlich doch die richtige Richtung. So die Richtung auf das vielzitierte chinesische, klassische System: Der Arzt wird bezahlt, solange der Patient gesund ist....
Aus des Patienten Sicht übrigens: Wer den Maximum Kassen-Beitrag zahlt, jede Menge Zaster, wie jeder weiß, der löhnt 3x 560,- € im Quartal - und was darf er dafür kosten? 35,85 € oder so im Quartal, was z.B. der Hausarzt bekommt? Das ist denn doch ein gewisses Ungleichgewicht.
Wo bleibt eigentlich der Rest vom Geld, die 1545,00 €, die zuviel gezahlt wurden?
Ich bin ziemlich sicher, dafür wird unter anderem dran gearbeitet, die Angebote des medizinischen Systems immer zwingender zu machen. Wie heute bereits viele "Vorsorge"untersuchungen. Nur wenn die absolviert sind, wird die Behandlung komplett bezahlt. Ein Schritt in genau die Richtung des vielleicht immer unfiktiver werdenden Romans.
Barmer, Techniker und DAK schließen das Jahr 2008 nach eigenen Angaben mit mehreren Hundert Millionen Euro Überschuss ab. Zusammen haben die deutschen Krankenkassen wohl mehr als eine Milliarde Euro Plus erwirtschaftet. Die Ersatzkassen wollen nun auf Zusatzbeiträge der Versicherten verzichten.
Die deutschen Krankenkassen haben 2008 einen unerwartet hohen Überschuss erzielt. Das Plus liege bei mehr als einer Milliarde Euro, meldete die "Hannoversche Allgemeine Zeitung" aus Branchenkreisen. Diese Zahl wurde allerdings weder vom Gesundheitsministerium noch vom Spitzenverband der Krankenkassen bestätigt. Der Jahresabschluss sei noch nicht fertig und werde erst nächste Woche veröffentlicht, hieß es dort.
Dennoch spricht viel für ein positives Ergebnis. So hat allein die Barmer Ersatzkasse, eine der größten Kassen bundesweit, 223,4 Millionen Euro Überschuss erzielt, wie eine Sprecherin sagte.
Ja, wo bleiben sie denn - die "kleinen" Zwischensummen?
Die Differenz zwischen dem lächerlichen Beitrag für den Arzt und der großen Summe für den Patienten, wird irgendwann nicht mehr vermittelbar sein. Ich glaube zwar nicht unbedingt an Wunder und Revolutionen, aber irgendwann treten sie doch ein. Und sei es, dass die Herrschenden einfach pleite sind.
Gegen die großen Probleme (Unfälle, tatsächlich notwendige Operationen) sollte man sich versichern und diese Summe sollte versicherungsmathematisch errechenbar und erheblich geringer sein. Der "normale" Arztbesuch sollte aber Sache zwischen Arzt und Kunden sein. Es könnte gut sein, dass beide jubeln, weil vielleicht 50 Euro den Besitzer wechseln - ohne dass das System 45 Euro als Schmierstoff abzweigt.
Hallo Hakushi,
das freut mich, dass du meinen Beitrag entdeckt hast. Du bist mir ohnehin abgegangen! Systemkritische Diskussion beschäftigen mich schon lange. Dass man nichts ändern kann, ist nicht meine Welt. Eine Diskussion auf Illichs Spuren, mit Gedanken von Blech, Blüchel, Ruesch und Konsorten, würde mich immer noch sehr interessieren. Es ist fad allein mit sich zu diskutieren
Und sei es, dass die Herrschenden einfach pleite sind.
in Ehren. Aber das wird nicht passieren, eher gibt es zahlreiche Schirme und wir Plebs sind anschließend pleite wegen der Schirmkosten.
Ja, dies
Zitat:
Gegen die großen Probleme (Unfälle, tatsächlich notwendige Operationen) sollte man sich versichern und diese Summe sollte versicherungsmathematisch errechenbar und erheblich geringer sein.
Ist unbedingt richtig. Bis vor einigen Jahren waren das in der Schweiz 170,- SFr /M. Bis sie dann entdeckten, dass sie EU Bürger nicht mehr so sinnvoll versichern dürfen. Oder die "EU" erfolgreich entsprechenden Druck machte....
Dass ich Dir abgegangen bin, oh, das.... ....wie schön.
Um Deine liebst-zitierten "Blech, Blüchel, Ruesch und Konsorten" (die auch meine sind) sollten wir hier unbedingt noch viele Worte verlieren.
Du glaubst wirklich, damit würden nur wir beide alleine sein? Einerseits motiviert das ja....
aber andererseits wie passt das zu deinem Optimismus, deinem sonnigen Gemüt?
Doch, da sind mehr, die so denken wie wir....
Jetzt bin ich sonnig.
Uta, danke Dir für die Zahlen-Info. Das sagt tatsächlich alles. Jetzt hätt ich nur noch gerne die Ausgaben für die PR von denen beziffert.
unser Gesundheitssystem befindet sich ja längst in einem Umbau. Schleichend. Nur wird heute gesundheitsbehördlich festgehalten, was aus dem Kassensystem finanziert wird und was nicht. Mitsprache der Patienten wie immer Null.
Wenn wir nur noch eine viel preiswertere Basisversicherung hätten, dann könnte jeder selbst entscheiden, welche Leistungen er absichern will und welche Leistungen nur dann in Anspruch genommen werden, wenn sie gebraucht würden.
Ich habe das einmal für mich etwas genauer festgehalten. Aber mein Eindruck war eher der, dass das keinen im Forum interessiert. Das meinte ich Hakushi mit alleine diskutieren. Gerne packe ich diese Gedanken auch aus. Unabhängig davon, ob und wie etwas umsetzbar ist.
Für mich von doppelter Faszination ist, dass Ivan Illich schon vor mehr als 30 Jahren seine Thesen von der Hybris (Nemesis) der Medizin verbreitet hat. Dass das damals einiges an Aufregung verursacht hat, inzwischen aber in der Versenkung verschwunden ist. Dann gab es zahlreiche weitere Bücher über Kritik am System, aber zu einer wirklich öffentlichen Diskussion hat es nie geführt.
Solche Bücher habe ich noch nicht gelesen, so dass ich auf diesem Niveau nicht mitreden kann. Ich kann nur instinktiv sagen, wie ich mir es wünschen würde.
Ich hätte gern einen Tarif mit sehr deutlich niedrigeren Beiträgen, die sehr einfach erzielbar wären. Bis z.B. 1.000 EUR im Jahr würde ich alle Kosten gern selber zahlen und erst wenn es teurer wird, müsste die Versicherung einspringen. So wären die großen Risiken versichert und um die kleineren Probleme kümmert man sich ohnehin selber.
Mich regt auf, dass bei privat Versicherten so ein System auch jetzt schon angeboten wird und funktioniert, man als gesetzlich Versicherter aber keine Chance auf so einen Tarif hat.
Natürlich würde einiges im Gesundheitssystem zusammenbrechen, wenn man auf einmal eine ganz andere Motivation hat, sich zu überlegen, ob denn wirklich jeder Arztbesuch sinnvoll ist.
das Gesundheitssystem ist auf Wachstum ausgerichtet. Mehr Ärzte (Ostdeutschland ist ja schon kräftig unterversorgt ), mehr Pillen, mehr Krankheiten (erfinden) für die diese Pillen gebraucht werden könnten. Deshalb müssen natürlich auch die Budgets wachsen. Das System wird so lange kostentreibend sein, bis Politik (natürlich nur auf öffentlichen Druck) und Behörden eine tatsächliche Reform wagen.
Eigentlich wäre es einfach; eine preiswerte auf echte Risiken abzielende Grundversicherung. Was weiter versichert oder direkt bezahlt würde, ist Sache jedes einzelnen. Wer dann eine billige Variante wählt entscheidet selbst, ob ein Arztbesuch Sinn macht.
Selbstverantwortung ist das Stichwort. Gesunde Lebensführung senkt das Risiko krank zu werden. Wer das nicht will, soll sich natürlich so versichern können, das (fast) jede Leistung darin enthalten ist. Wie bei allen anderen Versicherungen auch, ist dann halt der Beitrag höher. Jedenfalls hat die verordnete Medikalisierung des Lebens kaum einen gesünder gemacht, aber viele kränker. Wer wüßte das nicht besser, als wir im Forum.
ich finde es herrlich worüber man sich hier auslässt
Eigentlich ist es ja so, dass man das alte und wichtige Wissen über den Körper, die Heilung der Ursachen gänzlich aus den Köpfen des Pöbels gebrannt hat und diesen den Göttern in Weiß in die Hände getrieben hat.
Zeitgleich im Zuge der Revolution der Ernährungsindustrie gab man den Göttern in Weiß auch noch das Handwerkszeug die Pharma in die Hand.
Daraus entwachsen ist das Gesundheitssystem, worüber man sich hier jetzt das Maul zerreisst.
Ich dachte man will die Ursache statt die Symptome bekämpfen?