Was ist das "Asperger Syndrom"?

18.08.07 12:32 #1
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Elfe ist offline
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Häufig wird ADHS mit dem Asperger Syndrom verglichen. Einige der Symptome sind tatsächlich gleich, und offenbar gibt es auch häufig Mischformen.


Was ist Asperger?

von Christine Falk-Frühbrodt, M.A.

Übersicht
Definition

Das Asperger-Syndrom ist eine Kontakt- und Kommunikationsstörung, die als abgeschwächte Form des Autismus angesehen wird.
Typische Verhaltensweisen

Asperger ist auf den ersten Blick nicht erkennbar. Betroffene sehen normal aus, zeigen jedoch sonderbare Verhaltensweisen. Typisch sind Beeinträchtigungen des Interaktionsverhaltens, mangelndes Einfühlungsvermögen, starres Festhalten an Gewohnheiten, motorische Auffälligkeiten sowie ausgeprägte Spezialinteressen. Aufgrund ihrer Verhaltensauffälligkeiten stoßen betroffene Kinder auf Schwierigkeiten im Umgang mit Gleichaltrigen, Erwachsenen und den eigenen Eltern.
Asperger in der Kindheit

Im Vorschulalter beschäftigen sich Kinder mit Asperger-Syndrom am liebsten alleine. Ihr Spiel beinhaltet häufige Wiederholungen. Rollenspiele finden nicht statt. Diese Kinder bekommen leicht Wutanfälle, wenn von alltäglichen Routinen abgewichen wird. Sie wirken auffallend ungeschickt. Mitunter ist ihre Sprache geprägt von umständlichen Formulierungen.
In der Schule fällt es Kindern mit Asperger-Syndrom schwer, sich an Regeln zu halten. In Teilbereichen (z.B. in der Mathematik) beeindrucken sie mit Detailwissen; in anderen Bereichen fehlen ihnen die Grundlagen. Ihre Ungeschicklichkeit führt im Sportunterricht zu Schwierigkeiten. Das Kind hat wenige oder keine Kontakte zu Gleichaltrigen. Freundschaften entstehen meist nicht, weil das Kind sehr ich-bezogen handelt und seiner Umgebung mit seinem Spezialinteresse und ständigen Wiederholungen sehr auf die Nerven gehen kann. Das mangelnde Verständnis für die Gefühle und Bedürfnisse anderer Menschen und die kommunikativen Defizite führen zu Schwierigkeiten im sozialen Bereich. Häufig äußert das Kind verletzende Bemerkungen, ohne Böses zu wollen.
Ursachen: frühere und heutige Theorien

1967 erschien Bruno Bettelheims Buch "Die Geburt des Selbst". Darin interpretierte der renommierte Psychologe den Autismus als eine Reaktion der Kinder auf das Verhalten ihrer Eltern. Heute werden die Ursachen in genetischen Einflüssen und Störungen in den Hirnfunktionen vermutet. Zusätzliche Faktoren (z.B. Umweltgifte, psychosoziale Faktoren) können das Erscheinungsbild des Autismus mit beeinflussen.
Asperger in internationalen Diagnosekatalogen

1991 erkannte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) das Asperger-Syndrom als Krankheit an und nahm es in den Diagnosenkatalog ICD auf. Drei Jahre später folgte die American Psychiatric Association, die das Asperger-Syndrom fortan in ihrem Diagnosenkatalog DSM listete. Diese Handbücher enthalten genaue Beschreibungen der mit dem Asperger-Syndrom in Verbindung gebrachten Verhaltensweisen.
Autismus ist nicht Autismus

Beim Autismus wird zwischen zwei Hauptgruppen unterschieden: dem Asperger-Autismus und dem Kanner-Autismus. 1944 veröffentlichte der Wiener Kinderarzt Hans Asperger seine Doktorarbeit zum Thema „autistische Psychopathie“. Sein Landsmann Leo Kanner hatte zuvor eine eigene Abhandlung über autistische Kinder veröffentlicht. Leo Kanner befasste sich mit stark ausgeprägt autistischen Kindern; Hans Asperger beschrieb Kinder, die über mehr soziale Fähigkeiten verfügten.

Asperger-Autismus / Kanner-Autismus -> Tabelle muss direkt unter dem unten angefügten Link abgerufen werden, Anm. Elfe

Menschen mit dem Asperger-Syndrom zeigen Verhaltensweisen, die sich für sie selbst und Mitmenschen nachteilig auswirken können. Daneben verfügen Sie über besondere Stärken, die diese Schwierigkeiten in den Hintergrund treten lassen können:
Schwierigkeiten:
  • erfassen Situationen nicht als Ganzes, orientieren sich an unbedeutsamen Merkmalen
  • können Gelerntes nicht auf ähnliche Situationen übertragen, „kleben“ an Beispielen
  • können ihre Aufmerksamkeit nur schwer auf Neues ausrichten
  • sind vergesslich und leicht ablenkbar
  • reagieren verzögert oder nicht auf komplexe Aufforderungen
  • legen Sprache wortwörtlich aus
  • können die Wirkung ihres Verhaltens auf andere schwer einschätzen
  • können sich nicht in die Gefühlswelt anderer hineinversetzen
  • reagieren zum Teil sensorisch über- oder unterempfindlich (Geräusche, Berührungen, Licht, Temperaturen)
  • haben Schwierigkeiten mit der zeitlichen Organisation, d.h. sie wissen nicht, was wann zu tun ist
  • haben Schwierigkeiten mit der räumlichen Organisation, d.h. sie wissen nicht, wo was hingehört
Stärken:
  • Aufrichtigkeit, Loyalität, Zuverlässigkeit
  • ausgeprägter Gerechtigkeitssinn
  • gutes Gedächtnis, was das Spezialinteresse betrifft
  • große Leistungsbereitschaft
  • fotografisches Gedächtnis
  • motiviert, dankbar und anhänglich bei Anerkennung und Lob
Förderung und Therapie

Durch gezielte Förderung können die mit dem Asperger-Syndrom verbundenen Schwierigkeiten gemindert und die Lebensqualität verbessert werden. Dazu zählen:
  • Annahme des Kindes wie es ist
  • Beratung des Betroffenen, der Eltern und Lehrer
  • Schaffung von klaren und bleibenden Strukturen
  • Einübung von Routinen
  • behutsame Förderung von Sozialkontakten
  • Schaffung von Rückzugsmöglichkeiten
  • Vermeidung von Redewendungen, die missverstanden werden könnten
  • Anerkennung des Spezialinteresses
  • Lob
</H2>aus: asperger-kinder.de: Was ist Asperger im Aug. 07
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Seid lieb gegrüsst von Elfe

Geändert von Elfe (18.08.07 um 12:39 Uhr)

Was ist Asperger?

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Was ist Asperger?

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Hier noch die Diagnosekriterien für Asperger:

Asperger-Online

Das Asperger-Syndrom
Diagnosekriterien für das Asperger-Syndrom von DSM IV (1994)
A: Qualitative Beeinträchtigung der sozialen Interaktion, die sich in mindestens zwei der folgenden Bereiche manifestiert:
  • deutliche Beeinträchtigung bei vielfältigen nonverbalen Verhaltensweisen, wie dem In-die-Augen-Schauen, der Mimik, der Körpergesten, sowie der Gesten zum Regulieren der sozialen Interaktionen
  • Unvermögen, dem Entwicklungsniveau entsprechend Beziehnungen zu Gleichaltrigen zu entwickeln
  • mangelnder spontaner Wunsch, mit anderen Vergnügen, Interessen oder Errungenschaften zu teilen (z.B. macht der Betroffene keine Anstalten, Gegenstände seines Interesses anderen Menschen zu zeigen, ihnen zu bringen oder darauf hinzuweisen)
  • fehlende soziale oder emotionale Gegenseitigkeit
B: Begrenzte repetitive und stereotype Verhaltensmuster, Interessen und Aktivitäten, die sich in mindestens einem der folgenden Merkmale zeigen:
  • konzentrierte Beschäftigung mit einem oder mehreren stereotypen und begrenzten Interessensmuster, die entweder in ihrer Intensität oder durch ihr Gebiet abnorm sind
  • offenbar sture Befolgung spezifischer, nonfunktionaler Routinen und Rituale
    stereotype und repetitive motorische Manierismen (z.B. das Schnippen oder Drehen der Finger oder komplexe Bewegungen mit dem ganze Körper)
  • anhaltende Beschäftigung mit einzelnen Teilstücken oder Gegenständen
C: Die Störung verursacht bedeutende Beeinträchtigungen auf sozialem, beruflichem oder auf einem anderen wichtigen Gebiet.

D: Es existiert keine klinisch bedeutsame allgemeine Sprachverzögerung (z.B. spricht der Betroffene im Alter von zwei Jahren einzelne Worte und benutzt im Alter von drei Jahren kommunikative Redewendungen).

E:Es existiert keine klinisch bedeutsame Verzögerung in der kognitiven Entwicklung oder in der Entwicklung altersgemäßen Fähigkeiten zur Selbsthilfe, im anpassungsfähigen Verhalten (anders als in der sozialen Interaktion) und bei der Wißbegierde in Bezug auf das Umfeld in der Kindheit.

F:Die Kriterien stimmen nicht mit denen einer weiteren spezifischen tiefgreifenden Entwicklungsstörung oder der Schizophrenie überein.
Das Asperger-Syndrom
Diagnosekriterien des Asperger Syndroms von ICD-10 (Weltgesundheitsorganisation) 1993
A: Es existiert keine klinisch bedeutsame allgemeine Verzögerung in der gesprochenen oder rezeptiven Sprache oder in der kognitiven Entwicklung. Die Diagnose verlangt, daß bis zum Alter von zwei Jahren oder früher einzelne Worte gesprochen werden können, und daß bis zum Alter von drei Jahren oder früher kommunikative Redewendungen benutzt werden. Fähigkeiten zur Selbsthilfe, anpassungsfähiges Verhalten und Wißbegierde in Bezug auf das Umfeld sollten um das dritte Lebensjahr herum auf einem mit der normalen intellektuellen Entwicklung übereinstimmenden Niveau liegen. Dennoch können motorische Meilensteine etwas verzögert sein, und die motorische Unbeholfenheit ist die Regel (obwohl kein notwendiges diagnostisches Merkmal). Es bestehen häufig einzelne spezielle Fertigkeiten, die sich meist auf abnorme Beschäftigung beziehen, aber sie sind für die Diagnose nicht relevant.
B: Qualitative Abnormitäten in der wechselseitigen sozialen Interaktion zeigen sich in mindestens zwei der folgenden Merkmale:
  • Unvermögen, einen angemessenen Blickkontakt herzustellen und aufrechtzuerhalten, Mängel in Mimik und Körperhaltungen, Mängel in der Gestik zur Regulierung der sozialen Interaktion;
  • Unvermögen (in einer dem geistigen Alter entsprechenden oder trotz ausreichender Gelegenheiten), Beziehungen zu Gleichaltrigen zu entwickeln, die das Teilen von Interessen, Aktivitäten und Emotionen betreffen;
  • Mangel an sozio-emotionaler Gegenseitigkeit, die sich in einer unzulänglichen oder von der Norm abweichenden Reaktion auf die Emotionen anderer Menschen zeigt; oder der Mangel an Verhalltensmodulation gemäß dem sozialen Kontext; oder eine geringe Integration der sozialen, emotionalen und kommunikativen Verhaltensweisen;
  • fehlender spontaner Wunsch, mit anderen Menschen Vergnügen, Interessen und Errungenschaften zu teilen (z.B. mangelndes Interesse, anderen Menschen Gegenstände, die dem Betroffefen wichtig sind, herzbringen oder darauf hinzuweisen;
C: Der Betroffene legt ein ungewöhnlich starkes, sehr spezielles Interesse oder begrenzte, repetitive und stereotype Verhaltensmuster, interessen und Aktivitäten an den Tag, die sich in mindestens einem der folgenden Bereiche manifestieren:
  • einer konzentrierten Beschäftigung mit stereotypen und begrenzten Interessensmustern, die in Inhalt oder Gebiet abnorm sind; oder eine oder mehrere Interessen, die in ihrer Intensität und ihrer speziellen Natur, aber nicht in Inhalt oder Gebiet begrenzt sind;
  • offenkundige zwanghafte Befolgung spezifischer, nonfunktionaler Routinen oder Rituale;
    stereotype und repetitive motorische Manierismen, die entweder das Flattern oder Drehen mit Händen oder Fingern oder komplexe Ganzkörperbewegungen mit einschließen;
  • Beschäftigungen mit Teil-Objekten oder nonfunktionalen Elementen oder Spielmaterialien (wie den dazugehörigen Farben, dem Gefühl, das die Oberfläche vermittelt, oder dem Geräusch/der Vibration, das sie hervorrufen).
    Doch kommt es seltener vor, daß diese Merkmale motorische Manierismen oder
    Beschäftigungen mit Teil-Objekten oder nonfunktionalen Elementen der Spielmaterialien einschließen.
D: Die Störung ist den anderen Varianten der tiefgreifenden Entwicklungsstörung nicht zuzuschreiben, wie: einfache Schizophrenie, schizo-typische Störung, Zwangsstörung, anankastische Persönlichkeitsstörung, reaktive und enthemmte Bindungsstörungen der Kindheit.

Weitere Diagnosekriterien (Gillberg und Gilberg, Szatmari, Bremner und Nagy sowie die ASAS (australische Einschätzungsskala für das Asperger-Syndrom) finden Sie [B]www.asperger-online.de/http//:www.aspiana.de
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Seid lieb gegrüsst von Elfe

Was ist Asperger?

NellyK ist offline
Beiträge: 2.901
Seit: 02.08.06
Liebe Elfe,
danke für deine 3 Beiträge.Ich hatte gestern nach Autismus im Forum nachgefragt,jetzt kann ich vieles nachlesen. Danke

Literatur zum Asperger-Syndrom

Oregano ist offline
Beiträge: 54.148
Seit: 10.01.04
Meine Welt ist anders

Hier finden sich einige Arbeiten, die sich mit Asperger beschäftigen:

Asperger-Syndrom: Die Situation erwachsener Betroffener
Abschlussarbeit von P. Zucker im Rahmen der Fortbildung zum Autismustherapeuten
Autismus - eine Herausforderung des Mitmensch-Seins
Publikation von Georg Feuser
Autismus im frühen Erwachsenenalter
Ein Konzept zur Ablösung vom Elternhaus
Autismus und Erwachsensein
Materialien zu einem Seminar von Dr. Brita Schirmer
Das Asperger-Syndrom im Erwachsenenalter
Artikel im Deutschen Ärzteblatt 30.01.2009
Das Asperger-Syndrom im Erwachsenenalter
Artikel im Ärzteblatt über Diagnose und Therapie bei erwachsenen Asperger-Autisten
Die Entdeckung von Aspie
übersetzt von: Diana Leineweber - mit freundlicher Genehmigung von Dr. Tony Attwood
Die Lebenssituation von erwachsenen Personen mit Asperger-Syndrom
Diplomarbeit von Elisa Vergin - eine empirische Studie
Durchaus liebenswerte Persönlichkeiten
Psychotherapie bei Menschen mit Asperger-Syndrom von Christine Preißmann
Hochfunktionaler Autismus im Erwachsenenalter
Informationen zum Thema Autismus im Erwachsenenalter von Kai Vogeley, Köln
Ich war einsam und wusste nicht warum
Interview mit Christine Preißmann
Gruss,
Oregano

Geändert von Johanna (01.12.10 um 20:14 Uhr)

Was ist das "Asperger Syndrom"?

Johanna ist offline
Moderatorin
Beiträge: 861
Seit: 09.08.06
Hier ein Buchtipp von Oregano:

"Überlebensstrategien für Menschen mit Asperger Syndrom"
von Marc Segar.

Inhalt

1. Vorwort
2. Einführung
3. Wie man aus dem Buch den größten Nutzen zieht
4.Sich Gedanken machen
5.Das Positive sehen
6.
Körpersprache (Abstand, Blickkontakt, Tonfall, Kleidung)
7. Wahrheit, wörtliche und nicht-wörtliche Bedeutung (Fehlurteile, die andere über Dich gebildet haben)
8. Gespräche (Allgemeinbildung, Namen)
9. Witze und Konflikt
10.
Sexualitätsbezogene Probleme und Ausgehen (Ausgehen, Flirten, Einladungen, Persönliche Sicherheit, Vergewaltigungen)
11. Die richtigen Freunde finden
12. Eine saubere Weste behalten
13. sich Outen
14. Schule und Lernen
15. Von zu Hause ausziehen (Telefonieren, Gäste)
16. Jobs und Vorstellungsgespräche
17. Autofahren
18. Verreisen (Feilschen/Handeln)
19. Gelegenheiten
20. Eine persönliche, eingehende Untersuchung des Problems
21. Weitere Lektüre (englischsprachig)

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